„Menschen und Steine“: Dr. Robert Pferdmenges – vom Bankier zum Bundespolitiker

Im hinteren Teil unseres Evangelischen Friedhofs befindet sich die Familiengruft der Unternehmerfamilie Pferdmenges. Einer der Gründerväter der Bundesrepublik Deutschland, der Bankier und Wirtschafts- und Finanzpolitiker Dr. h.c. Robert Pferdmenges hat hier seine letzte Ruhestätte gefunden.

Robert Pferdmenges kam am 27. März 1880 als zweites von neun Kindern des Gladbacher Textilfabrikanten Wilhelm Albert Pferdmenges und seiner Ehefrau Klara Wilhelmine (geb. Croon) zur Welt. Nach dem Abitur 1899 an der Oberrealschule (heutiges Math.-Nat. Gymnasium) und Ableistung seiner Militärdienstzeit, entschied er sich für eine Ausbildung bei der Filiale der Bergisch-Märkischen Bank in M.Gladbach. 1902 wechselte er nach Berlin zur Disconto-Gesellschaft, einer führenden deutschen Großbank. Von 1905 bis 1914 war er für seine Bank in London tätig, dem damaligen Weltzentrum der Börse und des Handels. Dort heiratete er 1909 Dora Bresges aus der Rheydter Textilindustriellenfamilie. 1910 wurde ihr gemeinsamer Sohn Heinz in London geboren.  Ab Februar 1914 baute er eine Filiale in Antwerpen auf. 1916 hatte die Disconto-Gesellschaft das Aktienkapital des „Schaaffhausenschen Bankvereins“ in Köln übernommen, mit dessen Leitung Pferdmenges ab 1919/20 beauftragt wurde. 1919 kam die Tochter Ilse in M.Gladbach zur Welt. Kurz darauf erfolgte der Umzug nach Köln.

Der geschickte Netzwerker Pferdmenges wurde in den 20er-Jahren schnell zu einem der einflussreichsten Finanzexperten in Deutschland. 1921 übernahm er den Vorsitz der Vereinigung der Banken und Bankiers im Rheinland und Westfalen. Die Kölner Industrie- und Handelskammer wählte ihn zum Präsidenten. 1928 verlieh ihm die Universität Köln die Ehrendoktorwürde. Er wurde in den folgenden Jahrzehnten in zahlreiche Firmenaufsichtsräte (u.a. Gladbacher Wolle, Rheydter Kabelwerke) berufen, häufig als deren Vorsitzender. Vor dem 2. Weltkrieg gehörte Pferdmenges keiner politischen Partei an. Er vertrat wirtschaftsliberale Positionen. Frühzeitig warnte er vor einer politischen Radikalisierung als Folge von Rationalisierungen, die mit Arbeitsplatzverlusten in großem Stil einhergehen. 1929 war er bei der Fusion der Disconto-Gesellschaft mit der Deutschen Bank beteiligt. Einen Wechsel von Köln nach Berlin in die Führung der Berliner Bankzentrale lehnte er ab. 1931 wurde er als persönlich haftender Gesellschafter Teilhaber des Kölner Bankhauses Salomon Oppenheim. Im August 1931 zog der Reichskanzler Heinrich Brüning (Zentrum) ihn während der Bankenkrise als Berater in wirtschafts- und finanzpolitischen Fragen hinzu. Auf Wunsch Brünings übernahm er das Amt des stellvertretenden Vorsitzenden der Dresdner Bank und wirkte als Mitglied des Wirtschaftsbeirates der Reichsregierung in einem Ausschuss und im Generalrat der Reichsbank mit.

Als Miteigentümer eines ursprünglich jüdischen Bankhauses war Pferdmenges den neuen Machthabern ein Dorn im Auge. Die Nationalsozialisten setzten ihn als Präsidenten der Kölner Industrie- und Handelskammer und als Vorsitzenden der Bankiersvereinigung ab. 1934 nach dem sogenannten „Röhm-Putsch“ standen er und der mit Pferdmenges eng befreundete ehemalige Kölner Oberbürgermeister Adenauer auf einer Mordliste der Nazis. 1936 übernahm das Bankhaus Sal. Oppenheim das ebenfalls ursprünglich jüdische Bankhaus Levy in Köln, was zu verstärkten Repressalien der Nazis führte. Am 20. Mai 1938 erfolgte mit Einverständnis der Miteigentümer Oppenheim die Umbenennung der Bank in Bankhaus Pferdmenges & Co. Nach dem Kriegsende übergab Pferdmenges die von ihm treuhänderisch geführte Bank ihren ursprünglichen Eigentümern zurück. Nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 geriet Pferdmenges erneut ins Visier der Gestapo und der SS. Er wurde im September 1944 verhaftet und in der Gestapoleitstelle auf der Prinz-Wilhelm-Straße in Berlin verhört. Anfang Oktober 1944 wurde er auf einem Gut seiner Frau in Brandenburg in Hausarrest unter SS-Bewachung gestellt. Am 10. Juni 1945 kehrte er mit seiner Familie in das zerstörte Köln zurück.

1945 gehörte Pferdmenges zum Kreis der Protestanten, die die Gründung einer überkonfessionellen christlichen Partei anstrebten. In Köln wurde am 2. September 1945 die Christlich Demokratische Partei Westfalens und des Rheinlandes (CDP), die Vorläuferin der späteren Christlich Demokratischen Union (CDU) gegründet. Der erste Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) zog seinen alten Freund Robert Pferdmenges in finanz- und wirtschaftspolitischen Fragen und bei personellen Entscheidungen als Berater hinzu. Zusammen stellten sie die Weichen für die enge Anbindung der Bundesrepublik an die westlichen Demokratien und den Wiederaufbau Westdeutschlands als sozialer Marktwirtschaft.  Pferdmenges hatte den Beinamen „der große Schweiger“. Er war bei Kabinettssitzungen häufig auf Wunsch Adenauers anwesend. Von 1949 bis zu seinem Tode am 28. September 1962 war Pferdmenges Mitglied des deutschen Bundestages für die CDU.

Der tiefgläubige Protestant Pferdmenges, der selten einen Sonntagsgottesdienst verpasste, hat sich innerhalb seiner evangelischen Kirche jahrzehntelang engagiert. In seiner Gemeinde Köln-Bayenthal übte er im Presbyterium von 1928 bis Ende der 50er-Jahre das Amt des Kirchmeisters aus. Während der NS-Diktatur schloss er sich der Bekennenden Kirche an und unterstützte deren Arbeit mit hohen finanziellen Zuwendungen. Er gehörte dem Synodalvorstand des Kölner Gesamtverbandes an. Im Vorstand des Evangelischen Krankenhauses Köln-Lindenthal führte er den Vorsitz. In der Bad Kreuznacher-Diakonie gehörte er dem Direktorium an. Er war Mitglied des Zentralausschusses für die Innere Mission der Evangelischen Kirche. In der Rheinischen Landeskirche wirkte er im Finanzausschuss mit.

Der Stadt Mönchengladbach spendete Pferdmenges 1955 zu seinem 75. Geburtstag 100.000 DM als Grundstock für den Bau des Stadttheaters an der Hindenburgstraße. Der Ehrenringträger der Stadt wurde am 3. Oktober 1962 unter großer öffentlicher Anteilnahme auf dem Evangelischen Friedhof am Wasserturm beigesetzt. Sein Freund, der amtierende Kanzler Konrad Adenauer, begleitete ihn auf seinem letzten Weg.     

Lothar Beckers                                                                                                        

                                                                                                                          

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