Andacht Oktober 2019

Meine Zeit steht in deinen Händen. (Psalm 31,15)

Irgendwann vor ein paar Wochen gab es da draußen einen fast unmerklichen „Knacks“: Herbst. Fast von einer Nacht zum Morgen roch es plötzlich anders. Die Blätter an meinem Walnußbaum färben sich täglich bunter, die ersten bedecken bereits den Boden. Neulich bließ ein kalter Sturm unendlich viele Fichtennadeln auf unsere Terrasse und ich fürchte, daß Fegen nur für einen sehr begrenzten Zeitraum nützen wird. Ist es Zufall oder „Erfolg“ meines nicht nur gesunden Lebensstils, daß ich dann und wann das eine oder andere Gelenk spüre? Oder ist es die Kühle, die sich von draußen unter die Haut schleicht? Es erinnert mich sehr an meine Mutter, die in meinem Alter von Ähnlichem berichtet hat. „Alt“ war sie für mich damals noch nicht, „älter“ höchstens (diese seltsame Umkehrung der deutschen Grammatik im deutschen Gefühl, wenn der Komparativ die Minimierung bedeutet: eine „alte Frau“ klingt doch „älter“ als eine „ältere Frau“), jedenfalls alles andere als „jung“. – „Frühherbst des Lebens“ würde ich heute dazu sagen: Ganz jung ist vorbei. Wie draußen: Noch sind die meisten Blätter grün, noch gibt es warme Tage, noch steht der Grill draußen, wenn auch auf Hoffnung. Noch…, eben.

Wieder legen sich Schatten über ein Jahr. Für Depression und Trauer, für den Novemberblues ist es eindeutig zu früh, aber die Richtung ist klar und bald wird wieder gelten, wofür ich keine schöneren, schwereren Worte kenne als die meines Lieblingsdichters Rilke:

Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin, und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben. (Rainer Maria Rilke, 21.9.1902, Paris)

Bloß nicht wieder den Fehler so vieler Jahre begehen und angesichts anstehender kirchlicher Sitzungen und zusätzlicher Termine (denk daran: Weihnachten kommt wieder sehr plötzlich, sei also bereit und bereite dich vor!) den Zauber dieser Tage verpassen! Bloß nicht wieder das Jahr unter der Hand verlieren! Bloß nicht wieder gedankenlos durch die Tage taumeln. Warum nicht „lange Briefe schreiben“? Warum nicht ein wirklich dickes gutes Buch (Dostojewski, Tolstoj, Fontane etc) lesen? Ganz unzeitgemäß? Warum nicht mit dem einen oder anderen Weggefährten (Wollten wir nicht schon lange mal…?!) einen nunmehr schweren Wein trinken? Warum nicht angesichts der überdeutlichen Vergänglichkeit sich „das Haus bestellen“: Sortieren, Räumen, Wegwerfen, was nur Platz einnimmt?

Der Herbst lenkt die Schritte unserer Seele nach innen – und wir sollten seiner Weisheit folgen. Gewiß, das bedeutet das Ziehen von Grenzen, das kann das Aussprechen klarer Worte bedeuten, das kann unser Verhalten mißverständlich machen. Aber wir gewinnen in jedem Fall – Ehrlichkeit und Klarheit zum Beispiel. Vielleicht sogar den einen oder anderen (mehr braucht es doch nicht!) wirklich guten Freund. Beleben längst Abgestorbenes. Kommen zur Ruhe, bevor die hektische „stillste Zeit im Jahr“ beginnt, denn wer begeht den Advent denn noch als besinnliche Buß- und Fastenzeit?!

Wir pflegen so unübersehbar den äußeren Menschen, warum nicht auch in dieser so natürlichen Zeit den inneren? Manchmal, so meine ich, nein: so empfinde ich, ist der Herbst ein Wegweiser zu den großen Fragen des Lebens und damit zu Gott! Nicht tottraurig, nicht im Novemberblues, sondern noch (noch, noch!) verspielt und unernst-leicht mit den Blättern im Wind, doch auf dem Hintergrund, daß alles seine Zeit hat, nicht nur (wie es im Buche des Predigers richtig heißt) seinen besten Zeitpunkt, sondern auch seine Zeitspanne, die gleichsam mit den Blumen verwelkt, wobei noch Astern blühen und die Nüsse bestens munden. Es ist diese gottgeschenkte Zeit, die meine ganz persönliche Lieblingszeit im Jahr ist: Weil sie mit dem Ernst des Lebens so spielerisch umgeht und meine Gedanken und Wege nach innen richtet.

Erdenschwere, nasser Lehm. Noch gut erträglich, noch vielleicht mit blauem Himmel über dem Kopf, aber erdenschwer mit Lehm – der Mensch, Sie und ich ausgespannt zwischen Himmel und Erde, Brücke zwischen beiden, Kind des lieben Gottes!

Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.

Meine, Ihre, Deine, unsere Zeit in Gottes Händen. Kein Blatt geht verloren. Keine Menschenseele erst recht. Er umfaßt uns alle.

Windige, stürmische, sonnige, bunte behütete Herbsttage wünscht Ihnen

Ihr Pfarrer Karl-Heinz Bassy