Andacht November 2019

Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt (Buch Hiob Kapitel 19, Vers 25)

Ich weiß, dass mein Erlöser lebt. Das war die Überschrift, die die Verstorbene zu Lebzeiten für den Trauergottesdienst ausgesucht hatte. Und so stand der Bibelvers ausdrücklich obenan. Auch auf der Traueranzeige.

Für die alte Dame stimmte die Überschrift aus dem Hiobbuch. Mit jeder Faser ihres Herzens stimmte sie ihr zu. Sie hielt viel auf ihren Herrn Jesus, und die kommentierenden Bilder dazu habe ich noch heute im Kopf. Ich sehe eine alte Dame im Rollstuhl, sie sitzt in der Altenheimkapelle in der ersten Reihe, den Kopf leicht geneigt und die Hand als Hörhilfe zum Ohr geführt: ein Bild aus Tagen, als sie noch beweglich war im Heim mit ihren einhundert Jahren. Es sollte noch fast ein Jahrzehnt Lebenszeit hinzukommen.

Und ich weiß noch, dass der Großneffe noch ein anderes Bild der Großtante vor dem inneren Auge hatte: er sah, wie sie erbauliche Kalenderblättchen nach eigener Lektüre weiter verschenkte – wenn’s sein musste, auch an den Fensterputzer. Und der Neffe erinnerte sich an die wirklich sehschwache Tante, die ums Vorlesen bat – und es nebenbei ganz nützlich für den Neffen fand, wenn auch der auf diesem Weg mit erbaulichen Traktaten in Berührung kam.

Aber so ist das nun mal: wer weiß, dass sein Erlöser lebt, der mag damit nicht hinter dem Berg halten, der sagt es offen heraus, wer sein Leben hält und trägt. Die Verstorbene hatte das getan, gefragt und ungefragt, mit dem ihr eigenen Charme und Witz. Wer von ihr das Geheimrezept für ihr hohes Alter wissen wollte, dem sagte sie schlicht: „Da bin ich ganz in Gottes Hand.“

In der Friedhofskapelle nahm ich die Frage auf, wie wir uns Gottes Ewigkeit und das neue, andere Leben vorzustellen haben. Ich verwies auf einen Liederdichter. Vor mehr als dreihundert Jahren brachte es Paul Gerhardt einmal in folgendes Bild: so gewiss, wie dem ans Licht gedrungenen Kopf eines neugeborenen Kindes dessen übriger Körper folgen wird, so gewiss werden wir durch das Dunkel des Todes hindurch Jesus ins Leben folgen: "...wo mein Haupt durch ist gangen, da nimmt er mich auch mit."

Und so werden die, die mit dem Taufwasser in Berührung kamen, irgendwann einmal in Gottes ureigener Welt sein. Hineingeführt an der Hand Jesu, an der Hand des auferstandenen Jesus, an der Hand des Erlösers. Jenseits der Schwelle des Todes klingt das noch einmal anders: Ich weiß, dass mein Erlöser lebt. Bis dahin betet die Christenheit um die Gewissheit, dass auf die dunkle Nacht des Todes die zarte Morgenröte der Auferweckung folgen wird.

Pfarrer Werner Beuschel