Andacht Juni 2019

„Freundliche Reden sind Honigseim, süß für die Seele und heilsam für die Glieder.“ (Sprüche Salomos 16,24)

„Das Herz ist der Schlüssel der Welt und des Lebens.“ (Novalis) Ohne Herz kein Leben. Und ohne Herz kein Zusammenleben. Denn auf das Herz eines Menschen kommt es an! Wenn das Herz schlägt, lebt der Mensch. Im Herzen konzentriert sich nach biblischem Verständnis aber auch alles, was den Menschen ausmacht: Was ich denke und sage, was ich fühle und will – das gehört im Herzen zusammen. Hier erleben wir Freude und Trauer, Liebe und Ängste. Gutes und Böses kann aus dem Herzen kommen; es kann eiskalt sein, hart wie ein Stein; es kann sich öffnen, barm-herzig anderen Menschen zuwenden. Mein Herz – sagt die Bibel - das bin ich selbst – zugleich der Ort, an dem Gott in mir wohnt. So geht es nicht nur um das Herz einzelner Menschen, sondern auch um das Herz einer Gesellschaft - nämlich darum, wie die Menschen in einer Gemeinschaft gut und achtsam und wertschätzend miteinander umgehen und leben können und sich „mit Herz“ um die kümmern, die Hilfe brauchen. Dazu hat Gott jedem von uns ein Herz aus Fleisch und Wärme geschenkt – gegen Kälte und Herzlosigkeit!

Mich beschleicht allerdings das Gefühl: Es hat sich in unser Miteinander in allen Lebensbereichen oftmals eine Herzens-Kälte und – gerade auch sprachliche - Hemmungslosigkeit eingeschlichen, dass ich mich öfter entsetzt frage: was ist da eigentlich los? Wie HERZ-los können wir Menschen sein?  Vielleicht brauchen wir eine ganz neue „Herzens-Bildung“, wie Hanns Dieter Hüsch dies zu seinen Lebzeiten schon einmal sehr deutlich eingefordert hat. „Herzensbildung“ ist ein bis vor ein paar Jahren kaum noch verwendeter Begriff, der auf die deutsche Klassik zurückgeht und im Zuge der wachsenden Bedeutung „emotionaler Intelligenz“ inzwischen Schritt um Schritt in Pädagogik und Arbeitsethik zurückkehrt.

Natürlich: „Die Hoffnung ist nach wie vor da. … Es gibt noch viele Menschen, unter deren Haut ein Herz schlägt.“ (Bosmans). Dennoch finde ich: unser tägliches Miteinander, unsere Gesellschaft, unsere Welt braucht wieder mehr Herz, schließlich „sehen wir nur mit dem Herzen gut“! Vielleicht braucht es eine ganz neue Herzensbildung, damit wir Menschen von heute neu sehen lernen, worauf es in unserem (Zusammen-) Leben wirklich ankommt. Und eine neue Sprache lernen, die „von Herzen kommt“ und mit „freundlichen Reden“ unsere Mitmenschen  ermutigt und wertschätzt, einfach „Leib und Seele“ gut tut! Denn „Wer mit dem Herzen redet, ist allen verständlich.“(Albert Schweitzer)

Pfarrer Andreas Rudolph