Andacht Juli 2019

„Ein jeder Mensch sei schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn.“ (Jakobusbrief 1,19)

Liebe Schwestern und Brüder, eigentlich wäre es doch wünschenswert sich an das zu halten, was der Autor des Jakobusbriefes da sagt. Zu Zeiten der Entstehung des Briefes befanden sich die Gemeinden im Umbruch, man wusste nicht so recht wohin, und wenn es um Ziele und Entwicklungen geht, dann sind Streitigkeiten vorprogrammiert. Eine Situation also, die so oder so ähnlich auch in die heutige Zeit passen könnte. Vor allem nach der Prognose, der vor kurzem veröffentlichten Studie der Albert-Ludwigs-Universität. Diese beschrieb, dass wohl, wenn alles so bleibt wie es ist, die Kirchen die Hälfte ihrer Mitglieder verlieren werden. Eine harte und angsterfüllende Prognose und ein Ausgangspunkt für unzählige Meinungen und auch Streitigkeiten. Was könnte man verbessern? Welche Angebote müssen wir entwickeln? Hat Kirche überhaupt noch Relevanz? 

Und doch bin ich der festen Überzeugung, dass gerade Worte wie die aus dem Jakobusbrief Impulse für Veränderung bereit halten, ganz abseits von den herkömmlichen Strategien, die wir uns als Kirche so denken. 

„Ein jeder Mensch sei schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn“. Vielleicht könnte dieser Satz Ausgangspunkt für einen Perspektivwechsel sein.

Früher war es normal, dass die Kirchen sich tolle Projekte und Strukturen überlegt haben und dann dazu einluden. Eine klassische „Komm-Struktur“, wie man es fachwissenschaftlich sagen würde. Eine Struktur, bei der darauf gebaut wurde, dass schon Menschen sich für das interessieren würden, was wir uns ausdenken. Das wir wissen würden, was die Menschen bewegt und was sie umtreibt. Vielleicht ist es Zeit, neben all den, auch wirklich gut laufenden Projekten, unsere Struktur zu verändern. Im jakobischen Sinne. Unsere Arbeit vom Hören her aufzubauen, oder anders formulitert: Von einer „Komm-Struktur“ zu einer „Geh-Struktur“. Einer „Geh-Struktur“, die darauf baut, dass wir erst einmal alles hören, uns mit dem Reden zunächst zurückhalten und auch unsere Frustration im Zaum halten. 

Dann bin ich mir sicher, dass die Menschen, die uns laut der Studie bis 2060 verlassen, etwas zu sagen haben. Wünsche haben, Ideen und Meinungen und dass wir gemeinsam mit ihnen Kirche wieder bauen können. Dann, und das sagt die Studie auch, wird uns nur die Hälfte der Austritte aus demografischen Gründen treffen. Die andere Hälfte besitzt das Potential, dass wir sie halten. Und ich bin mir sicher, dass wir das können, wenn wir nur wieder anfangen zuzuhören.

Vikar Nico Ballmann