Andacht Dezember 2019

Wer im Dunkeln lebt und wem kein Licht leuchtet, der vertraue auf den Namen des Herrn und verlasse sich auf seinen Gott. (Jesaja 50,1)

Eines verträgt der moderne Mensch gar nicht: Ohnmacht. „Du bist stark, du kannst erreichen, was du willst, die Kraft liegt in dir“ und ähnliche Sprüche haben wir längst verinnerlicht. Und das Vertrauen ins Leben und gar in Gott ist darüber zu einem Vertrauen in die eigenen Kräfte und Möglichkeiten geworden. Was damit einhergeht: Gnadenlose Verantwortlichkeit! Wer krank wird, ist selber schuld, weil er ja entweder nicht zur Vorsorge gegangen ist oder einem ungesunden Lebensstil gefrönt hat. Oder andere sind schuld, weil sie Umweltgifte freisetzen, unmenschliche Arbeitsbedingungen beibehalten und andere mobben oder andere Gewalt ausüben. Mit dem Verlust der religiösen Dimension, mit dem „Verscheuchen“ Gottes aus dem Alltag ist der Mensch auf sich geworfen und damit für alles verantwortlich und schuldig, was an Leidvollem geschieht.

Das hat was für sich: „Ursachenforschung“ mag man das nennen und diese hat unser Leben sicherer und besser gemacht. Aber der Preis ist hoch und lautet: Angst. Angst zu versagen, Angst, das Ziel eines kerngesunden hohen Alters, in dem man mit 85 noch mit den Enkeln Huckepack spielt und dann gleichsam galant mit Salto vorwärts in Sarg oder Urne hüpft. Angst selber schuldig zu werden, weil man eben auch nur ein Mensch ist und seiner Verantwortung nicht immer nachkommt und irgendetwas schiefläuft und man – weil man ja nicht alles vertuschen kann – eben zur Verantwortung gezogen wird. Und sei es, daß der Arzt kopfschüttelnd sagt: „Wer raucht, braucht sich beim Autofahren auch nicht anzuschnallen.“ – Tut nicht gut, wenn die COPD mit dem Karzinom um die Wette wütet.

„Oma, geh doch in die Sportgruppe, dann kommst du nach Opas Tod unter Menschen!“ – „Jupp, wir holen dich übermorgen zum Kegeln ab, du kannst nicht immer nur aus dem Fenster gucken!“ – Gutgemeinte Worte von Menschen, die Einsamkeit nicht mitansehen können und wollen. „Da muß man doch was gegen tun“ – es dauerte lange, bis ich endlich begriff, daß man nicht immer „was tun“ kann. Mein Opa liebte es, still in seinem Zimmer zu sitzen und Radio zu hören (Klassikfunk immerhin!). Dann wieder konnte er Nachmittage lang aus dem Fenster schauen. Als ich ihn darauf ansprach, meint er nur: „Ich habe so viel erlebt, mir geht so viel durch den Kopf, ich muß nicht mehr unter die Leute“. So geht es vielen, habe ich erfahren.

Irgendwann kam ich auf die Idee, Sonntagnachmittag ältere Menschen aufzusuchen, von denen ich wußte, daß sie alleine lebten und die nicht zur „Gottesdienstgemeinde“ gehörten. Was mir da an Einsamkeit entgegenschlug (so nach einem langen Samstag und dem halben Sonntag), verschlug mir fast den Atem. Wohnzimmer, in denen keine Lampe brannte, wobei es draußen immer dunkler wurde. Und oft eine abgestandene Luft, die eine passende Ergänzung für die bleierne Schwere war, die das ganze Szenario prägte. Freute man sich auf den Montag mit seinem Arztbesuch? Freute man sich überhaupt auf etwas? Konnte man sich überhaupt noch freuen? – Diese Besuche erschütterten und erschüttern mich zutiefst. Der Ruf, doch endlich „aktiv“ zu werden verhallt gehört. Ideen, etwas zu ändern versinken im Morast depressiver Kraftlosigkeit. Selbst wenn die Packung mit den Antidepressiva auf dem Wohnzimmertisch liegt.

Viele Male erlebt. Und oft habe ich mich gefragt, was ein Psychologe tun und raten würde. Und immer wieder diese letzte Grenze: „Wenn die nicht wollen...“ – Als ob alles davon abhängen würde. Dann bleibt in diesem Konzept nur die Einweisung, wenn es zu „selbstschädigend“ wird – doch davon merkt ja kaum jemand etwas, vielleicht noch der ratlose, getriebene Hausarzt, der immer die gleichen Wehwechen behandelt von diesem unbelebten Dasein.

Ich kann beten, immerhin. Das einzige, das bleibt, wenn sonst nichts mehr geht. Kann beten mit denen, die im Dunkeln leben, kann für sie beten, wenn sie nicht wollen oder können. Es ist eine grundsätzliche Frage: Rechne ich mit Gott oder nicht?! Traue ich ihm zu, Entwicklungen „irgendwie“ in Gang zu bringen, die einen Heilungsprozeß für solch ein „beschädigtes Leben“ beginnen lassen – egal, wie dieser dann aussieht?

Diese Tage sind die dunkelsten im Jahr. Und in vielen Wohnungen unserer Stadt werden dann auch manche Zimmer dunkel bleiben, obwohl in ihnen Menschen wohnen. Und viele werden durch Straßen laufen, in denen unzählige Lichterketten und Christbaumkerzen äußere – und oft genug kalte – Helligkeit verbreiten. Und viele werden dabei eine Seele in sich tragen, in der es dunkel, kalt und miefig ist. Doch dann geschieht es, immer wieder und unmerklich, wie schon damals: Etwas ist anders. Man merkt es nicht sofort, es braucht Zeit. Ein Lächeln, ein Gedanke, ein Wort. Irgendetwas. Ein Samenkorn geht auf. Damals wurde ein Kind geboren.

„Die Mitte der Nacht ist der Anfang des Tages“, nannte das mal jemand. Das mag chronologisch so sein, doch ein geistiges Naturgesetz ist das nicht. Manche Nacht ist endlos. Aber auch in ihr geschehen Wunder. Wir müssen sie nur sehen. Die Frage lautet auch hier: Rechne ich mit Gott oder nicht?

Um zu beten, um klar zu sehen, muß ich Stille in mir haben. Der Dezember bietet sich an. Die Hoffnung hat einen Namen: Gott. Er verläßt uns nicht. Verlassen wir uns auf ihn.

Gesegnete Advents- und Weihnachtstage, einen behüteten Übergang in ein gutes Neues Jahr wünscht Ihnen Ihr

 Pfarrer Karl-Heinz Bassy