Andacht April 2019

Jesus Christus spricht: Siehe ich bin bei Euch alle Tage bis an der Welt Ende. (Matthäus-Evangelium 28,20)

"Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“.

Das sind ungeheuer tröstliche und auch Mut einflößende Worte, die der Gekreuzigte und Auferstandene auf jenem Berg in Galiläa ausspricht, auf den ER sie zuvor bestellt hat. Vermutlich ist das jener Ort, an dem auch seine „Bergpredigt“ von einer großen Volksmenge zu hören war. Der jetzige Zuspruch Jesu ist dagegen intim. Er will einfühlsam antworten auf die große Erschütterung des Abschieds, wie auch auf den tiefen Glaubenszweifel, den es offensichtlich auch nach Ostern noch gibt. Der Evangelist hat ihn am Anfang des Abschnittes in großer Offenheit angesprochen. Man höre und staune! Da stehen die Jüngerinnen und Jünger vor dem auferstandenen Herrn und dann dies: „Einige aber zweifelten“!

Will Matthäus in diesem so wichtigen, öffentlichkeitswirksamen Augenblick die „Mannschaft“ blamieren?! Er hätte doch auch diskret und schweigend über diese Peinlichkeit hinweggehen können. Dann hätten wir „Matthäi am Letzten“ strahlende Helden, ja „Glaubensheroen“, vor Augen. Tapfere und mutige Gestalten, an denen man sich aufrichten kann, und an denen man gut lernen kann, wie echte Jüngerschaft auch hier und heute auszusehen hat – stattdessen hören wir von schlotternde und zweifelnden Gestalten. Was hat Matthäus nur geritten, die Chance zu vertun, hier mal so richtig Imagepflege zu betreiben? Oder wollte er einfach nur ehrlich sein, weil ehrlich am längsten währt?

Helden, die mögen im Kino beeindruckend sein. Aber für Otto-Normalverbraucher, auch für Otto-Normalverbraucher im Glauben, taugen sie meist wenig. Sie sind eben viel zu weit weg vom realen Leben. Offenbar will Matthäus uns solche entfernten, auf hohen Säulen stehenden „Heiligen“, die später in Stein gehauen die Kirchen bevölkert haben, ersparen. Seine Botschaft ist vielmehr: In der Nachfolge Jesu Christi, auf dem Wege des Glaubens, da gibt‘s keine Helden. Vor unserem Herrn stehen wir alle in einer langen Reihe von Suchenden und haben es jeden Tag neu nötig, uns von IHN an- und zusprechen zu lassen: „Mir ist gegeben alle Vollmacht im Himmel und auf Erden.“ – Und auch: „Siehe ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende“.

Ich denke, wir alle brauchen das wie dürres Land den Regen. Unser Glaube an Jesus Christus und unser Gottvertrauen gleichen oft eher einer mickrigen Pflanze, die auf kargem Boden dahinkümmert, als so einem mächtigen Baum, der in fruchtbarer Erde wurzelt und wächst und gedeiht. Es ist doch so, unser Glaube lebt nicht von unserer eigenen sieghaften Überzeugung. Er lebt davon, dass er täglich neu dieses Wort hören darf: „Mit ist gegeben alle Vollmacht im Himmel und auf Erden.“ – „Siehe ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende“. Wir sollen das immer wieder neu zu Herzen nehmen, weil so viele andere Stimmen durch die Welt geistern, die auch uns ständig in den Kopf pflanzen wollen: „Ich habe Gewalt über dein Leben!“ oder „Ich will dein ständiger Begleiter sein!“

Oft hört man Menschen resigniert sagen: Ja, Geld regiert die Welt. Nur wer richtig viel Geld in der Tasche hat, kann auch mitreden und mitbestimmen. Ich mit meinen paar Cent kann ich nur bescheiden den Mund halten. Ich mache mich am besten ganz klein, damit ich nicht weiter auffalle. Andere versuchen, die Macht des Reichtums durch die Macht der großen Klappe zu ersetzen und haben damit scheinbar auch Erfolge. Gegen all dieses Imponiergehabe stehen die Worte unseres Herrn: „Gott hat mir die Vollmacht gegeben über Himmel und Erde!“ Damit ist bestätigt und in Kraft gesetzt, was Jesus uns an Nächsten- und Gottesliebe vorgelebt und uns als sein Liebesgebot hinterlassen hat – gerade in der Bergpredigt. Wer vor IHM – wie die Jünger im Text – in die Knie geht, der kann vor den Menschen stehen.

Aber es sind aber nicht nur Menschen, die uns beherrschen wollen. Oft sind es noch viel mehr die Widerwärtigkeiten und Sorgen des Alltags. Es ist die konkrete Sorge um das Heute und Morgen, die uns fest im Würgegriff hält. Es ist manchmal auch die Furcht vor einer heimtückischen Krankheit oder die schleichende Angst um das kleine Glück, das oft so zerbrechlich ist, und von dem wir doch so viel erwarten. Aber auch hier gilt das Machtwort des Siegers von Ostern: Nicht all diesen Dingen, auch nicht euren Erfolgen und Niederlagen, sondern: „Mir ist gegeben alle Vollmacht im Himmel und auf Erden. – Und denkt immer daran: Ich verlasse euch nicht mehr in dieser Welt und auch nicht in der kommenden Welt!“

Mit diesem Evangelium von der unsterblichen Liebe will Jesus seine Jüngerinnen und Jünger immer wieder neu ausrüsten, und das ist auch heute sein Arbeitsauftrag an uns, weil nur wir hier und jetzt, seine immer noch froh und frei machende Botschaft in die konkreten Fragen und auch Nöte der Menschen hinein tragen können. Selbst wenn wir reichlich Grund haben, an unseren Möglichkeiten und Fähigkeiten zweifeln, Jesus will nie ohne uns wirken, und die Zusage seiner Nähe sagt uns fest zu, dass unser dürftiges Handeln durch seine Vollmacht bekräftigt und beglaubigt ist. Nehmen wir es darum wirklich ernst, was allen Christinnen und Christen  „Matthäi am Letzten“ aufgetragen ist: „Geht nun hin und macht alle Völker zu Jüngern: tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie alles halten, was ich euch geboten habe.“

Pfarrer Olaf Nöller