Zum Abschied von Charlotte Stahl

Eigentlich unvorstellbar, dass Charlotte Stahl nicht dabei sein sollte. Seit mehr als drei Jahrzehnten hatte sie jede Weihnachtsfeier für die Älteren der Gemeinde mit ausgerichtet, zuerst im Haus Zoar, dann im Wichernhaus. Sie war sie die Seele der Feier gewesen, begrüßte fast alle namentlich mit der ihr eigenen Herzlichkeit – in dem von ihr und anderen zuvor liebevoll geschmückten Raum. Jetzt fehlte sie, bei der ersten Feier krankheitshalber. Wenige Stunden vor der zweiten Feier hatte sie der Herr des Himmels und der Erden für immer zu sich gerufen. Bei vielen kamen im Sälchen des Wichernhauses die Tränen, als sie die Todesnachricht hörten. Die Trauer war förmlich mit Händen zu greifen.

Sollte jetzt wie sonst immer zum Schluss das „O du fröhliche“ angestimmt werden? Aber ja doch. Lotte Stahl hätte das Lied als erste angestimmt. Denn Gottvertrauen war ihr Lebensfundament. „Ich habe eine solche Freude an Gott. Die möchte ich weitergeben.“ So hatte sie es gesagt, als sie im vorletzten Jahr für ihr vielfältiges und langjähriges Engagement mit dem Kronenkreuz der Diakonie ausgezeichnet wurde.

Sie setzte sich ein. Für ihre Familie. Für ihre Gemeinde. Für die Kirche. Lotte Stahls Leben kann man nur erzählen mit Peter Stahl. Ihren Mann hatte sie in Aschaffenburg kennengelernt, in Offenbach wurden die Kinder Friedrich, Luise und Georg  geboren. Der Weg an den Main war für die junge Frau beträchtlich gewesen. In ihrem Ausweis steht als Geburtsort das ostpreußische Allenstein. Und preußische Tugenden bewahrte sie sich ihr Lebtag lang: Gewissenhaftigkeit, Pflichttreue, Genauigkeit – und bloß nicht zu viel gejammert, wenn’s mal etwas dicker kam.

1966 stand Mönchengladbach auf dem Lebensreiseplan. Zuerst zog die junge Familie in die Aachener Straße. Dann stand der Familienname Stahl auf dem Klingelschild eines Hauses auf der Rheydter Straße. Ein gastfreies Haus, insbesondere auch für die Gemeinde. Ganz viel Musik gab es vor allem hier zu hören.  Lotte Stahl liebte die Musik. Ihr heller Sopran trug den Gesang jeder Bibelstunde, leidenschaftlich brachte sie ihre Stimme in den Chor des Bachvereins ein, und auch zuletzt war es ihr eine große Freude, im Gemeindechor mitzusingen. Und ebenso gefiel ihr, was ihre Kinder von Berufs wegen musikalisch auf die Beine stellten.

Zusammen mit ihrer Familie setzte Charlotte Stahl für den  Kindergottesdienst im damaligen Otto-Zillessen-Haus auf der Immelmannstraße ein. Eine Freundschaft mit dem Bezirkspfarrer Berger wuchs in dieser Zeit. Es folgten weitere Pfarrer,  denen man nicht nur freundschaftlich, sondern auch geistlich verbunden war. Die daraus noch einmal intensivierte  Liebe zur Gemeinde trug überreiche Früchte. Seit über dreißig Jahre leitete Lotte Stahl das Treffen der älteren Generation, und fast genauso lang engagierte sie sich im Bibelgesprächskreis. Dass der Gemeindebrief monatlich zuverlässig in die Häuser kam, lag vor allem und zuerst an Lotte Stahl. Im Besuchsdienst war sie genau die richtige Fau an der richtigen Stelle: dort war sie die „Kümmerin“, die genau wusste, wo bei den Menschen der Schuh drückt. Schließlich brachte sie sich ehrenamtlich auch als Prädikantin ein.

Tief bewegt und sehr dankbar nahm im Dezember eine große Trauergemeinde Abschied von Charlotte Stahl auf dem evangelischen Friedhof. Der Lobpreis wird wohl gegenseitig sein, wenn sie nun dem gegenübertritt, an den sie so fröhlich geglaubt hat.

Werner Beuschel