Andacht November 2018

Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. (Offenbarung 21,2)

Wer Visionen hat, solle zum Arzt gehen, meinte einmal einer der größten deutschen Politiker der Nachkriegszeit. Wer Dinge sieht (und wir mögen ergänzen: hört, riecht, fühlt, schmeckt), die anderen verborgen sind, der wird zumindest für „seltsam“ gehalten, für sonderlich und irgendwann für krank. Dabei will ich gar nicht leugnen, daß es Wahnvorstellungen gibt. Eine kluge Ärztin (für Psychotherapie) antwortete mir mal auf meine Frage, wie ich mit Menschen umgehen soll, zu denen Jesus spricht, sie selber würde es erstmal für wahr halten („Wer bin ich, um das beurteilen zu können?!“). Erst wenn Jesus von ihr Dinge erwarten würde, die sich nicht mit den Evangelien deckten, würde sie aktiv werden. „Aha“, dachte ich mir. Und fühlte mich – diesmal: leider, weil es die Sache nur verkomplizierte – in meiner Ansicht bestätigt.

Irgendwann auf unserer Terrasse: Unsere damals noch junge Tochter meinte plötzlich: „Da hinten im Busch, da fiept ein Igel!“ – Abgesehen davon, daß ich noch nie einen Igel habe Laute von sich geben hören (außer seinem Rascheln), stand der Busch gut zehn (in Worten: zehn – es ändert nichts!) Meter von uns entfernt. Wir gingen hin – und fanden einen Igel! Später stellten wir fest: Sie hört Dinge, die wir (in der Regel) nicht hören! Wir waren mit ihr beim Arzt (s.o.) und der bestätigte: Überhörig. Nahe am absoluten Gehör. Sie könne das Gras wachsen hören. Das und nicht die Musiker war der Grund, warum sie Orgel- und Posaunenmusik nur mit Tränen in den Augen und zusammengebissenen Zähnen hören konnte. Sie hört besser als 90% der Menschheit.

Ich hatte mal einen Konfirmanden, der auch „irgendwie seltsam“ war. Seine Gedankengänge waren – so schien es mir zunächst – extrem holprig, dann zugleich messerscharf und „irrsinnig“ konsequent. Er habe Probleme in der Schule und auch keine Freunde, erzählten mir seine Eltern. Mich wunderte das nicht, so wie er sich verhielt. Ich versuchte hinter die Logik seiner Gedanken zu kommen: sie war bestechend. Auf mein Anraten machte er einen Intelligenztest und das Ergebnis lag weit jenseits all dessen, was Otto Normalverbraucher sein eigen nennen kann.

Es ist schwer, manchmal sehr schwer, anders zu sein als die breite Masse. Mehr wahrzunehmen, tiefer zu denken, mehr zu empfinden (neuerdings nennt man diese Menschen „hypersensibel“). Es ist unendlich schwer, trotz des Weltirrsinns und aller Tode an Gott zu glauben. Es ist unendlich schwer, Gottes Gegenwart zu spüren – und anderen davon zu erzählen. Es ist unendlich schwer, mehr und tiefer (und damit anders) zu leben als die vielen. Und doch liegt das Problem bei diesen, nicht bei den „Seltsamen“!

Hätte Johannes seine Offenbarung heute geschrieben, er fände höchstens einen Esoterik-Verlag, um sie unter die Leute zu bringen. Verstehen würde ihn sowieso kaum mehr jemand und selbst die gescheiten Theologen würden ihn (wie viele es tatsächlich tun!) nur mit Fingerspitzen anfassen.

Trotzdem lebt die Welt von Menschen, die weiter, tiefer und höher sehen und denken als andere. Die sich noch ihre Empfindsamkeit bewahrt haben, noch den Traum von einer heilen Welt. Die uns noch daran erinnern, daß es das gibt: Frieden, Heilwerden, Versöhnung, Vertrauen, Glück und Liebe. Die noch Gott wahrnehmen im grauen, hektischen und einsamen Alltag – die erahnen lassen, daß die Grenzen meines Verstehens nicht die Grenzen des Möglichen sind. Und daß das sogar für einen Steven Hawking gilt.

Sie mögen störend sein, anstrengend und viele von ihnen werden krank sein. Aber längst nicht alle. Und wir können so oder so von ihnen lernen.

November – Totenmonat. Wir haben uns an den Tod gewöhnt, ihn längst eingeordnet. Doch die Vision des Johannes sagt: Das ist nicht alles. Das Beste kommt noch. Nun denn…

Laßt uns hoffen und nach Gott Ausschau halten! Er ist da: Manche haben ihn gesehen, andere gehört, von ihm gelesen, ihn sogar geschmeckt. Er ist mitten unter uns! Nun denn…

Pfarrer Karl-Heinz Bassy