Andacht Mai 2017

„Eure Rede sei allezeit freundlich und mit Salz gewürzt“. Kolosserbrief 4,6

„Eure Rede sei allezeit freundlich und mit Salz gewürzt“ ... 

… der Satz aus dem vierten Kapitel des Kolosserbriefes geht weiter: „… daß ihr wißt, wie ihr jedem antworten sollt.“

Denn ohne die Fortsetzung klingt er wie eine „spannungsvolle Einheit“, wie „immer richtig“, wie „lau“ und „weder noch“. Und bekanntlich war Jesus selbst kein Freund solcher Rede.

„Mit Salz gewürzt“: Klare Worte – sie können wehtun und haben darum in manchen Kreisen einen schlechten Ruf. Sie klingen nach „klarer Kante“ und „klaren Verhältnissen“ und die wiederum nach „Hackordnung“ und dem „Recht des Stärkeren“, der sagt, „wo die Glocken hängen“. Salz brennt in Wunden und kann die Heilung verzögern. Essen ohne Salz hingegen ist fade und auf Dauer ungesund. Doch wenn der Koch verliebt ist, so sagt man, versalzt er die Suppe und das ist dann auch wieder zu viel des Guten. Es kommt – wie bei allem - auf die Dosierung an und damit kommen wir dem ersten Teil des Satzes näher: „Freundlich“ soll die Rede sein…

Freundlich… nicht „politisch korrekt“ und so, daß sich niemand, aber auch wirklich niemand und überhaupt keiner ausgegrenzt und in irgendeiner noch so winzigen Kleinigkeit beleidigt oder gekränkt fühlen kann. Freunde muten sich nämlich einander die Wahrheit zu, man weiß bei ihnen, worauf man sich verlassen kann und was man voneinander zu halten hat. Also so ziemlich das, was „klare Worte“ meinen und „klare Kante“ – doch eben so, daß selbst ein Knuff in die Seite nicht als böse Tat „rüberkommt“, sondern als freundlicher Hinweis, daß man etwas falsch gemacht hat. Wie es der alte, weise Spruch eben sagt: „Man kann einem Menschen die Wahrheit wie einen Waschlappen um die Ohren hauen oder wie einen wärmenden Mantel umlegen.“ Wobei ich bekennen muß: Manchmal wirkt ein Waschlappen Wunder… Selbst erlebt. Sogar im übertragenen Sinne, um den es hier geht. Es kommt eben darauf an, was ich dem anderen vorauseilend „unterstelle“: Böse Absicht oder eben Freundschaft. Einem Freund höre ich anders zu als einem Unbekannten oder gar einem jener Zeitgenossen, die ich überhaupt nicht mag. Doch die Frage, ob ich grundsätzlich von einer guten Absicht beim anderen ausgehe oder von deren Gegenteil, ist ganz wesentlich für das, was dann kommt. Das Schlimmste ist das entsprechende Schubladendenken: „Ich bin böse, denkt der andere und wenn ich gut bin, dann lüge ich und bin doch wieder böse.“ Das Denken schlägt Purzelbäume und dreht Pirouetten, um sich selbst zu bestätigen, Hauptsache, der andere bleibt, was ich von ihm halte. Furchtbar! 

„…daß ihr wißt, wie ihr jedem antworten sollt“. Antworten, nicht rumreden, Und auch nicht überall seinen Senf dazutun, sondern „höflich, aber bestimmt“ auf Fragen die eigenen Antworten geben. Freilich setzt das voraus, daß ich mir vorher Gedanken gemacht habe, damit ich keinen Unsinn verzapfe, sondern eben „Antwort“ gebe. Oder besser schweige. Doch was sind die Fragen? Den Christen aus Kolossae ging es um ein Bekenntnis ihres Glaubens. Da sind wir heute vorsichtig geworden. Das riecht nach allzu viel Gewißheit in Dingen, in denen es keine solche geben soll, kann oder sogar darf. Das riecht nach Radikalismus und Fanatismus und die „stinken“ nach Gewalt. Als ich mal in einem durchaus wichtigen kirchlichen Gremium gefragt wurde, ob ich denn wirklich fest davon überzeugt bin, daß Jesus Weg, Wahrheit und Leben sei (Johannes 14,6!) und ich dies bejahte, als ich dann gefragt wurde, ob ich denn meine, daß mein Glaube der einzig richtige sei und ich dies ebenfalls bejahte, fand ich mich in einer Schublade wieder, in der ich mich ausgesprochen unwohl gefühlt habe. Denn das heißt ja alles nicht, daß die andern Menschen in der Hölle schmoren sollen oder daß ich sie für irgendwie minderwertig halte. Und die Form der „Mission“, die ich meine, ist untrennbar mit dem christlichen Liebesgebot verbunden und respektiert Andersartigkeit. Freilich ohne es dabei zu belassen, sondern eben in einem fruchtbaren Dialog (der durchaus auch mal ein saftiger, gewürzter Streit um die Wahrheit sein kann) mit geschärften, gewürzten, salzigen Argumenten und freundlichen Taten (dieser Sprache der Hände) den andern von der von mir erkannten Wahrheit zu überzeugen. Und alles andere übrigens Gott und nicht dem Scheiterhaufen, dem Sprengstoffgürtel oder dem unheiligen Krieg zu überlassen.

Wir brauchen Klarheit in Fragen, die den Kern unserer ganz persönlichen Identität betreffen. Und auch die Identität unserer Kirche(n). Daß man nicht aufeinander einschlägt, weder verbal noch tätlich, ist im Rahmen des Christentums eigentlich selbstverständlich.

Eure Rede sei allezeit freundlich und mit Salz gewürzt. Klare Worte freundlich gesagt – ein Ideal, ein Ziel, ein Weg. Wir müssen üben, gehen, danach streben. Ich befürchte, ein Leben lang. Zuletzt zählt dann doch wieder: Barmherzigkeit. Oder sogar: ein Verzeihen. Es kommt darauf an, einander etwas Gutes zu „unterstellen“.

Pfarrer Dr. Karl-Heinz Bassy