Andacht März 2017

Vor einem grauen Haupt sollst du aufstehen und die Alten ehren und sollst dich fürchten vor deinem Gott; ich bin der HERR. (3. Mose 19,32)

Eigentlich sind manche Dinge doch klar, z.B.
1.       dass man nicht stehlen noch lügen noch betrügerisch handeln soll;
2.       dass man vor Gericht die Wahrheit sagt,
3.       dass man seine Kinder nicht zur Hurerei zwingt usw.
 
All das sind Vorschriften für das gemeinschaftliche Leben; Regeln, die das Zusammenleben erleichtern. Wenn ich also möchte, dass jemand mit mir vernünftig umgeht, dann gehe ich erst einmal mit ihm oder ihr vernünftig um, frei nach dem Motto: „Wie es in den Wald hinein ruft, so schallt es zurück“; wenn ich nett und höflich mit meinen Mitmenschen bin, wächst die Hoffnung, dass auch sie höflich zu mir sind.
 
Aber ist das alles wirklich so klar?  
„Vor einem grauen Haupt sollst du aufstehen und die Alten ehren und sollst dich fürchten vor deinem Gott; ich bin der HERR.“
So lautet der Monatsspruch für März.
 
Unwillkürlich fiel mir ein, wie meine Mutter in der Straßenbahn immer zu mir sagte: „Steh bitte auf für den Herrn oder die Dame!“  
Die Damen und Herren hatten graue Haare und ihre Augen strahlten Dankbarkeit aus, wenn sie sich dann setzen konnten.
Im Laufe meines Lebens bin ich dann oft aufgestanden, auch für Schwangere und jüngere Leute, denen man es ansah, dass sie schlecht stehen konnten. Und wenn ihnen dann ein Lächeln über das Gesicht huschte, freute ich mich besonders.
 
Und es freut mich heute, wenn die Jugendlichen mir erzählen, dass auch sie aufstehen. Allerdings musste ich selbst – als ich mal nicht schnell genug reagierte - wie auch unsere Jugendliche folgenden Satz hören: „Unverschämtheit, nicht sofort aufzustehen!“
 
Der Umgang miteinander und damit verbunden auch der gute Umgangston sind wichtig um ein gemeinschaftliches Leben zu führen, in dem alle sich wohlfühlen. Über Generationen hinweg sollte es Respekt geben zwischen jung und alt, zwischen grauen und schwarzen Haar, heller und dunkler Hautfarbe.
 
Respekt und Achtung voreinander haben sollte selbstverständlich sein -  ist es aber oft genug nicht.
Ein einfaches Beispiel dafür: Einander zu hören ist eigentlich ganz einfach.
Aber wie oft muss ich im Konfirmandenunterricht oder auch bei Gesprächskreisen sagen: Hört bitte aufeinander!
Doch ich muss mich selbst auch fragen: Höre ich auch selbst immer zu. Respektiere ich die Meinung der anderen. Oder muss ich bei allem Respekt auch mal protestieren. Habe ich Achtung vor der Erfahrung, die ein(e) anderer mir berichtet oder bin ich mit den Gedanken woanders.
 
Ehren sollten wir jeden Menschen, aber besonders diejenigen, die uns an Erfahrung etwas voraus haben, denn von ihnen kann man lernen und das schadet auch nicht.
 
„Vor einem grauen Haupt sollst du aufstehen und die Alten ehren“, dieses Wort mag auf manche unbequem  und vielleicht auch antiquiert wirken. Aber dahinter steckt das Interesse Gottes, dass jeder Mensch in Würde und Respekt alt und krank werden darf.  
 
Pfarrerin Christiane Fiebig-Mertin