Andacht Februar 2018

Monatsspruch Februar: Es ist das Wort ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, daß du es tust. (5. Mose 30,14)

Peinlich diese Situationen, in denen man bloßgestellt wird! Da ist man ausgesprochen höflich und die vierjährige Tochter plappert drauflos: Papa, du hast doch gesagt, daß du Frau XY nicht ausstehen kannst, weil sie so eine dumme Pute ist! Die Durchblutung der Gesichtshaut nimmt zu, ein Räuspern, Klarstellungen, der verzweifelte Versuch, das Gespräch mit der „Dame“ möglichst schnell zu beenden. Peinlich: Die Familie ist zum Essen eingeladen, es gibt das, was es besser nicht gegeben hätte, man löffelt tapfer und lobt die Köchin und Klein-Paula brabbelt los: Zu Hause mag das aber keiner! Worauf die Eltern einen quasi-universitären Vortrag beginnen, der darauf hinausläuft, das Gericht schmecke „höchst interessant“, sei in dieser Form auch gar nicht bekannt und die Zutaten hätten ganz neue aromatische Horizonte eröffnet. Manche sagen: Kindermund tut Wahrheit kund. Jedenfalls solange die lieben Kleinen noch nicht völlig „verdorben“ sind – und zwar durch die „guten Sitten“ der Großen, die nur zu häufig Goethe folgen, der mal gemeint hat, daß man im Deutschen lüge, wenn man höflich ist. Womit wir bei den Teutonen wären, die schon im Altertum wegen ihres Benehmens kultivierteren Völkern einen gehörigen Schrecken eingejagt haben. Wobei nachdenkliche Gemüter fragen, ob die Teutonen also „kulturlos“ gewesen seien und die Frage nachschieben, was „Kultur“ denn nun sei? Im Deutschen also zu einem gehörigen Anteil Lüge? Ich will es nicht glauben. Peinlich diese Situationen, in denen sich Worte in unserem Munde selbstständig machen und die Flucht auf die Lippen antreten. Da erzählt uns jemand etwas und die dümmste, aber absolut treffende Bemerkung „fällt“ uns gleichsam aus dem Mund. Der andere ist zunächst irritiert, dann beleidigt, schlimmstenfalls gekränkt. Peinlich, wenn man seine Meinung über irgendetwas allzu pointiert äußert und prompt jemand dabeisitzt, der unmittelbar betroffen und getroffen ist! Vor allem, wenn eine Meinung Sachkenntnis voraussetzt, die man selber nicht im erforderlichen Umfang hatte. - Ich gestehe: Alles schon selbst erlebt: Als peinliches Kind angefangen über die Rolle des bloßgestellten Vaters bis hin zum ahnungslosen Meinungsvertreter. Unser Zusammenleben ist schon kultiviert und kompliziert. Doch einem andern immer die Wahrheit wie einen Waschlappen um die Ohren hauen und eben nicht wie einen wärmenden Mantel umlegen – ich weiß nicht. Dabei: Klare Worte sind auch mal angebracht, und ständiges Sich-Verbiegen tut dem seelischen Rückgrat so wenig gut wie dem körperlichen. Ich bewundere Kinder mit ihrer Ehrlichkeit. Betrunkene, die bekanntlich auch mit der Wahrheit nicht hinter dem Berg halten, weniger, sie bekommen zumeist am nächsten Tag einen Kater! Wäre es nicht wunderbar, wir würden die Wahrheit nicht nur sagen, sondern auch leben?! Wenn man bloß immer wüßte, was die Wahrheit ist! Und wieviel Ahnung muß man haben, um sich eine Meinung erlauben zu können? Das Dilemma ist offenkundig: Vieles in unserem Leben ist ganz schön „schräg“. Nicht wahr, nicht falsch, eher „lau“ und damit das, was Jesus nicht ausstehen konnte (Off.3,15f.). Und manchmal ist es (seien wir ehrlich!) ganz schön verlogen! Denn ein wenig Lüge ist oft schlimmer als eine große: Wenn die Lüge mit der Wahrheit kuschelt, so daß man beide nicht mehr auseinanderhalten kann. Mir scheint das ein Problem vieler Medien zu sein: Gerüchte, Meinungen und Informationen werden zu oft vermischt: Es ist nicht falsch, es ist nicht wahr, es ist irgendwas von allem. Eben: lau! Pfui!

Die Worte unseres Verses sagt Gott zu seinem Volk, als es sich zwischen einem Leben fern oder einem nahe von ihm entscheiden soll. Und er gab ihm zuvor seine Weisungen. Man brauchte über den Willen Gottes also nicht mehr zu spekulieren, man hatte ihn in seinem Wort ganz nahe bei sich. - Blöd, daß zu diesem Aufrichtigkeit gehört. Blöd, weil es eben manchmal „peinlich“ sein kann. Blöd, daß wir es heute schwerer haben mit ihm. Denn als denkende Christen müssen wir den Abstand zwischen uns und den ursprünglichen Adressaten der Bibelworte mit bedenken! Wir leben nicht mehr in biblischen Tagen. Doch können wir auch nicht einfach über Gottes Willen und Wort spekulieren. Wir brauchen den Roten Faden, der uns in der Kontinuität zu all denen hält, die vor uns an den Gott Jesu Christi geglaubt haben – und damit sind wir wieder bei den Worten der Bibel. Worte, die so bekannt sind, daß sie heute kaum mehr jemand kennt. Ja, unser Glaube, will er mehr sein als ein Bauchgefühl, verlangt etwas von uns. Und zwar neben dem gebotenen Anstand auch die Kenntnis von dem geistigen Raum, den seine Tradition, zu der unaufgebbar die Bibel gehört, schafft. Ich behaupte: Wer die Bibel nicht in etwa kennt, dem fehlt Wesentliches zum Verständnis des Christentums! Und darüber hinaus auch Wesentliches des eigenen Glaubenslebens, jedenfalls sofern man sich „Christ“ nennt (oder gar das „christliche Abendland“ retten will). Wäre das ein Vorhaben für das begonnene Jahr? Schlicht mal anzufangen: Ein Evangelium zu lesen, das Buch Jesaja vielleicht? Den Römerbrief? Und bei Fragen sich nicht zu scheuen, einen Pfarrer oder eine Pfarrerin des Vertrauens anzurufen? Vielleicht entdeckt man ungeahnte Tiefen geistigen Lebens, Gedanken, die heilsam wirken für die Seele, die Schmerz lindern und leben helfen. Denn es ist eine Krankheit des Menschen: die Trennung von Wissen und Lebensstil. Symptom: Eigentlich-Sätze: Eigentlich müßte ich weniger Bier trinken, eigentlich müßte ich mal wieder mit meiner Frau bummeln gehen, eigentlich könnte ich mal mit unserem Sohn auf den Sportplatz, eigentlich…Eigentlich gäbe es da die Möglichkeit, anderen und mir selber weniger vorzumachen. Eigentlich könnte ich ein wenig ehrlicher werden. Wäre das was für 2018: Eigentlich mal wieder zur Besinnung zu kommen? Zur Basis des eigenen Lebens? Zu Gott gar?

Ja, sein Wort ist uns ganz nahe. Sonst wäre es nicht sein Wort. Es ruft zu einem Leben, das stimmig ist in Rede und Stil. Klar, wir werden wieder die Wahrheit eher bescheiden ausdrücken, werden irgendwem sagen wo die Glocke hängt, mit der Faust auf den Tisch hauen, werden wieder schweigen, wo wir hätten reden sollen, werden zagen, wo Mut von uns gefordert wäre. Ja, aber wir dürfen das niemals als Normalfall und menschliche Schwäche abtun. Dann leben wir weiter im Spagat, dann werden uns weiter Situationen peinlich sein, die es eigentlich nicht bräuchten. Ob wir das wirklich wollen? Im Grunde müssen wir nur hinhören auf die Stimme Gottes im Leben. Gewiß begegnet sie uns in jenem alten kostbaren Buch der Heiligen Schrift. Wir sollten uns nur nicht den vielleicht fremden Gedanken einer längst vergangenen Zeit verschießen, ihnen besserwisserisch unsere Maßstäbe anlegen und unsere Vorab-Gedanken zum Maßstab machen, wie Gott zu sein und was er zu sagen hat. Wir müssen auch nicht alles verstehen. Es genügt, diese Worte wirken zu lassen, das eine oder andere mit zu nehmen in den Tag, es sich vielleicht auf einen Zettel zu schreiben. Gewiß werden wir so empfänglicher für die anderen Worte, die Gott zu uns spricht und die uns manchmal überraschen! Zum Beispiel, wenn das eigene Kind uns einer Unaufrichtigkeit überführt. Oder wir genau spüren, daß wir gegen unsere Überzeugung handeln. Eines ist gewiß: Gottes Wort will uns heilen. Das kann manchmal wehtun, aber es hilft immer so zu leben, daß wir am Ende sagen können: Es war mein Leben, es war gut, ich wurde geführt. Es ist nie zu spät für einen solchen Aufbruch ins Hinhören.

Einen jecken Februar (wenn es denn sein soll) und einen schönen Vorfrühling wünscht Ihnen

Pfarrer Karl-Heinz Bassy