Andacht Dezember 2018

Da sie den Stern sahen, wurden sie hocherfreut. (Matthäusevangelium 2,10)

„Die Nächte sind immer am schlimmsten“, sagt Frau N., die nun schon zum wiederholten Male mehrere Wochen im Krankenhaus liegen muss. „Schlaf stellt sich nicht ein und die Zeit dehnt sich ins Unendliche. Die Streben an der Decke habe ich alle schon gezählt - jede Nacht aufs Neue -  und alles Mögliche Andere ebenso  zur Ablenkung von den Gedankengrübeleien, die im Dunkel der Nacht leichtes Spiel mit mir haben. Aber manchmal, ja manchmal, wenn ich Glück habe, kann ich beim Blick zum Fenster hinaus Sterne am Himmel erkennen und verfolge ihre Bahn, bis der Morgen endlich dämmert und die Dunkelheit weicht.“

Viele Assoziationen durchziehen unser Gespräch: vom genialen Einfall Gottes beim Schöpfungsakt, diese fantastischen Leuchten an den Nachthimmel zu setzen (Gen. 1,14ff) über Saint-Exuperys Stern des „kleinen Prinzen“ bis hin zu den Weisen aus dem Morgenland (Mt. 2,10) und schließlich zu dem wunderbaren Adventslied von Jochen Klepper: „Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern.“ (Evangelisches Gesangbuch Nr. 16). Ja, auch Jochen Klepper kannte das Weinen in der Nacht, „Angst und Pein“ aus eigenem Erleben nur zu gut. Und auch er mag manches Mal wie Frau N. den Blick bei dunkler Nacht in Sorge um seine jüdische Frau und ihre Töchter aus dem Fenster an den Himmel geworfen und Sterne gesehen haben. Und ich stelle mir vor, mitten darin scheint ihm plötzlich dieser eine auf, dieser ganz besondere Stern, der uns als Abendstern durch die Nacht begleitet und gleichzeitig auf der anderen Seite der Erde, auf der anderen Seite der Welt Gottes, als Morgenstern den neuwerdenden Tag verkündet. Für Klepper wird dieser Stern zum „Stern der Gotteshuld“. Dessen Lichtstrahl ist zu ihm durch die Dunkelheit der Nacht und tiefen Verzweiflung gedrungen wie ein Blick aus Gottes Angesicht und hat sein Herz leuchten gemacht mit Hoffnung und Vertrauen auf letztgültiges Heil trotz und inmitten unheiler Zustände. „Noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und –schuld. Doch wandert nun mit allen der Stern der Gotteshuld.“  Jochen Klepper stellt sein eigenes Leid und das aller Menschen in den Lichtschein des göttlichen Morgensterns, der Himmel und Erde zusammenführt im Stall von Bethlehem als dem Ende der Nacht, als dem Ende aller Dunkelheiten dieser Welt, als dem Geburtsort  unseres Heilandes mitten unter uns Menschen, genau da, wo wir gerade sind.

So mögen auch wir uns mit allem, was dunkel, unheil und friedlos ist in unserem Leben aber auch im gegenwärtigen Weltgeschehen in den Lichtschein des Sterns von Bethlehem, in den Lichtstrahl des Angesichts und Angesehenwerdens Gottes stellen und uns von diesem Licht durchdringen lassen. Dann sieht manches anders aus. Leid bekommt eine andere Perspektive.Friedlosigkeit sucht den Frieden. Ungeheiltes findet eine neue Form von Heilung. Und so möge dieses Licht der Gotteshuld nicht nur uns, sondern durch uns auch unsere Mitmenschen zum Leuchten bringen und ihr Leben hell machen.

Unmerklich hat Frau N. begonnen, die Melodie des Liedes vor sich hin zu summen. Ich stimme mit ein und sehe in ihr in diesem Moment strahlendes Gesicht: „Beglänzt von seinem Lichte, hält euch kein Dunkel mehr. Von Gottes Angesichte kam uns die Rettung her“.

Damit wird die kommende Nacht nicht kürzer für Frau N, aber weniger dunkel sein.

Eine gesegnete Adventszeit und eine vom Stern über Bethlehem erstrahlende und frohmachende Weihnacht wünscht Ihnen

Ute Dallmeier, Pfarrerin in den Krankenhäusern Bethesda und Neuwerk