Andacht August2018

„Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm.“ (1. Johannesbrief 4,16)

Es war die royale Hochzeit des Jahres am 19. Mai 2018: Prinz Harry und seine Meghan haben sich in einer ergreifenden Zeremonie das „Ja-Wort“ in der Kapelle von Schloss Windsor gegeben. In seiner leidenschaftlichen Predigt im Traugottesdienst pries dabei der Erzbischof von Chicago, Michael Bruce Curry, die "Kraft der Liebe als das Feuer des Lebens". Dem Anlass angemessen, möchte manche/r vielleicht denken, angesichts des jungen Liebesglücks die „Kraft der Liebe“ so in den Mittelpunkt zu stellen. Und doch ging es dem Prediger um viel mehr in diesen unruhigen und oft so lieblosen Zeiten – um die Liebe als eine Kraftquelle für die Zukunft der Menschheit. Nun ist ja gerade die "Liebe" nicht nur ein großes Wort, sondern zugleich ein in unserer deutschen Sprache sehr ungenaues, allumfassendes und wirklich manchmal abgenutztes Wort. Über die Liebe können wir nicht reden, aber wir können von ihr erzählen. Die Liebe schreibt Geschichten und deswegen erzählen wir Geschichten. Woher wissen wir, was Liebe ist, wenn wir nicht vorher von einem Menschen geliebt worden wären? Und woher wüssten wir, was Liebe ist, wenn es uns nicht mit unserem Dasein, in unser Leben hineingelegt worden wäre z.B. mit der ersten Liebeserklärung der Eltern an uns. Eben mit den Worten des 1.Johannesbriefs: „Gott ist die Liebe, und wer darin lebt, der braucht nichts darüber hinaus...Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt.“ (1. Joh  4,16.19) Das ist die Basis menschlicher Liebe zueinander – denn die Liebe können wir nur leben, ihr Raum geben in unserem Tun. Und das tut heute wirklich Not: Wir steigern zwar in allen Lebensbereichen unsere Effektivität, optimieren Körper und Persönlichkeit. Und doch bleibt bei Vielen eine innere Leere, ein Lebensdurst „nach mehr“ zurück. Vielleicht ist diese Sehnsucht, diese gute Unruhe des Herzens manchmal verschüttet unter dem Vielerlei des Alltags. Aber da gibt es Stunden in der Nacht, in der Stille, in der Krise, in der Einsamkeit und dann kommt sie hoch die leise Anfrage, soll das jetzt alles gewesen sein? Und vielleicht ist das Spüren dieser Suche, dieser Unruhe schon der erste Schritt auf der Suche nach einer tieferen Kraftquelle im Leben – einer Kraftquelle auch für ein gelingendes, bereicherndes Zusammenleben. Wie sagte schon Martin Luther King: "Wir müssen die Kraft der Liebe entdecken, die befreiende Kraft der Liebe, und wenn wir das tun, dann werden wir aus dieser alten Welt eine neue Welt machen. Denn Liebe ist der einzige Weg."

Pfarrer Andreas Rudolph