Andacht April 2017

"Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, er ist auferstanden." (Lukas-Evangelium 24,5-6)

Les extremes se touchent, die Extreme berühren sich: das Wort des französischen Schriftstellers Louis Sebastien Mercier ist für mich ein österliches Wort. Denn Ostern hat es mit dem Äußersten zu tun, ja dieses Fest hat es mit mehr als dem Äußersten zu tun. Denn das Äußerste, was wir erleben, ist ja der Tod. Er ist ein Extrem, er ist das Äußerste, was wir im wahrsten Sinne des Wortes er-leben. Darüber hinaus geht eigentlich nichts mehr. Doch Ostern geht einen Schritt weiter, Ostern geht den entscheidenden Schritt weiter. Denn Ostern heißt: Auferweckung von den Toten. Und das ist nicht nur extrem. Das ist extremer.

Die Deutschlehrer unter uns dürften jetzt den Rotstift zücken und mir diesen Satz anstreichen. Und sie haben Recht: das Wort extrem lässt sich nicht steigern, es ist schon die Höchstform, der Superlativ. Aber ich bitte die Hüter einer korrekten Sprache für dieses eine Mal um Nachsicht. Weil Ostern mit den üblichen Wörtern nicht auskommt. Denn wir reden ja nicht über übliche, wenn vielleicht auch seltene Phänomene. Wir reden nicht über die Rückkehr eines Scheintoten, wir sprechen auch nicht über Reanimation. Nein, da war wirklich einer mausetot. Drei Tage lang. Und wurde dann auferweckt. Das ist mehr als extrem.

Und nun kommt hinzu, dass dieses Ereignis sehr lange zurück liegt. Extrem lange, wenn man so will, nämlich grob gesagt zwei Jahrtausende. Das ist für viele schon so lange her, dass es fast nicht mehr wahr ist. Was hat das, was damals in Jerusalem passiert ist, mit der Gegenwart zu tun? Das ist doch eine extrem alte Geschichte.

Aber sie berührt ein anderes Extrem. Es betrifft meine Zukunft. Und die wird unweigerlich kommen. Nämlich in Gestalt des eigenen Todes. Und dann wird es, so glaube ich, auch mehr als extrem zugehen. Wenn über meine Auferweckung von den Toten gesprochen wird.

Ja, an Ostern berühren sich die Extreme. Die Christenheit feiert, dass Jesus Christus von den Toten auferweckt wurde. Und es wird ihr die Gewissheit geschenkt, dass mit dem Tod eben nicht alles aus ist, sondern dass es noch einmal losgeht: im Himmel, in der Ewigkeit, im Haus des Vaters, in dem Jesus Christus schon mit ausgebreiteten Armen auf uns wartet.

Das versteht sich nicht von selbst. Und so musste schon einer her, der sich auf Extreme bestens versteht, um den Frauen im Felsengrab zu sagen: "Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, er ist auferstanden." Es war ein Engel, der das sagte. Also einer, der sich mit Gottes Möglichkeiten bestens auskennt. Wenn Ostern heißt, dass sich die Extreme berühren, so heißt dies eben auch, dass die Extreme nicht zufällig aneinander geraten. Sondern sie kommen nur deshalb zusammen, weil einer eins zum anderen fügt. Weil einer die Enden in der Hand hält und sie zusammenbringt: die Enden des Lebens, die Enden der Zeit, die Enden der Welt. Und so einen neuen Anfang macht.

Pfarrer Werner Beuschel