Wie viel Ruhe braucht der Sonntag?

An elf  Sonntagen kann man  in diesem Jahr in Mönchengladbach oder Rheydt, Giesenkirchen oder Wickrath, Rheindahlen oder Odenkirchen laut Ratsbeschluss einkaufen. Elf von zweiundfünfzig Sonntagen im Jahr sind verkaufsoffen. Viele atmen auf bei einem solchen Beschluss: der Handel, weil dem Internet und den Öffnungszeiten in den benachbarten Niederlanden etwas entgegengesetzt werden kann, die Menschen, denen ein Tag ohne Shoppingmöglichkeiten sinnlos und langweilig erscheint. Ist Sonntagsruhe nicht ohnehin altmodisch? Was begeisterte Shopper bejahen mögen, sehen die Verkäuferinnen, die gezwungen sind, am Sonntag zu arbeiten, meist anders. Mit Dr. Peter Achten vom Handelsverband NRW und Superintendent Dietrich Denker verbinden sich die zwei gegensätzlichen Positionen.

Dr. Peter Achten: "Zugebenermaßen sind Ladenöffnungen am Sonntag ein umstrittenes Thema. Doch der Erfolg verkaufsoffener Sonntage gibt der Forderung der Kaufleute nach Öffnungsmöglichkeiten am Sonntag Recht. Die Wochenendtage Freitag und Samstag sind statistisch gesehen die höchst frequentierten Einkaufstage im deutschen Einzelhandel. Doch diese beiden Tage stehen zumeist im Zeichen von Wocheneinkauf im Lebensmittelhandel und unaufschiebbaren Erledigungen. Zeit, sich das Einzelhandelsangebot der eigenen Stadt oder der Einkaufsstadt der Wahl in Ruhe anzuschauen, bleibt da meistens nicht. Anders verhält es sich an verkaufsoffenen Sonntagen. Für die Dauer von fünf Stunden hat der Handel die Möglichkeit, sich in seiner ganzen Vielfalt zu präsentieren. Gespräch und Beratung stehen dann im Mittelpunkt. Für eine Kommune sind diese Sonntagsöffnungen Gold wert, denn neben dem Einzelhandel rücken auch gastronomische, kulturelle und Marktangebote in den Vordergrund. Zu den eigenen Einwohnern gesellen sich viele Menschen aus dem Umland, um die Möglichkeiten, die ein verkaufsoffener Sonntag bietet, zu nutzen. Machen Stadt, Handel und Gastronomie alles richtig, lassen sich so auf einfache, aber wirksame Weise alte Kunden neu beeindrucken und neue Kunden auch aus dem Umland dauerhaft gewinnen. Für Städte – gleich welcher Größe – ist das in Zeiten des rund um die Uhr erreichbaren Online-Handels elementar, denn es ist der Einzelhandel vor Ort, der die Stadt- und Stadtteilzentren vital erhält, der die Versorgung der Einwohner und Besucher sichert und über Steuern und Spenden zum Wohl der Stadt sowie zum Gemeinwohl beiträgt. Deswegen erscheint es auch nicht vermessen oder gar angriffslustig, wenn die Einzelhändler vor Ort fordern, ihre Ladentüren an vier Sonntagen pro Jahr öffnen zu dürfen – ohne komplizierte Antragsverfahren und ohne restriktive Anlassbezüge, die verkaufsoffene Sonntage in einigen Kommunen nahezu unmöglich machen. Gleichwohl diskutieren aber auch die Händler, ob eine völlige Freigabe der Öffnungszeiten nicht sinnvoller ist in Zeiten des zunehmenden eCommerce, denn Sonntagsruhe hin oder her: Die Kunden shoppen auch am siebten Tag der Woche – zu Hause auf der Couch, unterwegs auf dem Smartphone und nebenan in den Niederlanden und Belgien."

Superintendendent Dietrich Denker: "Zum Herzschlag des Lebens gehören Rhythmen: Tag und Nacht, Saat und Ernte, der eigene Herzschlag, Einatmen. Ausatmen. Alles ist voller Rhythmus. Und wenn es zu Rhythmusstörungen kommt, ist die Gesundheit, oder gar das Leben bedroht. Der Wochenrhythmus ist ein Rhythmus, der zum Leben gehört. Sechs Werktage mit Arbeit in der Fabrik, auf der Straße im Büro oder auf dem Feld bzw. rund um Haus und Hof. Sechs Tage, in denen wir tun, was wir tun müssen. Dann kommt der Sonntag, der soviel Ruhe braucht, wie eben möglich. Der Sonntag ist der Tag, an dem viele Familien oder Paare zuhause oder anderswo länger Frühstücken, mehr reden, sich aufs Rad schwingen, Spazieren gehen und in unsere Kirche kommen. Ein besonderer Tag, der anders ist, als die anderen. Erst mit diesem Tag wird die Woche vollendet. „Und so vollendete Gott am siebenten Tage seine Werke (...) und ruhte am siebenten Tage...“ (1.Mos.2,2)

Ja, auch sonntags müssen viele Menschen arbeiten, nicht nur in der Freizeitbranche, sondern auch, im Gesundheitswesen, in der Pflege, bei der Polizei und in unserer Kirche. Dennoch ist der Sonntag anders als die anderen Wochentage. Hier finden Familien, Eheleute, Lebenspartner und –partnerinnen Zeit zum Gespräch und zur gemeinsamen Freizeitgestaltung. Und: Selbst die Sonntagsarbeiterinnen und –arbeiter haben hin und wieder diesen Tag frei, an dem alle frei haben. Das Leben braucht solche Tage der Selbstbestimmung, der Freiheit und der Andersartigkeit. Der Mensch ist nicht als Arbeitsmaschine geschaffen, die sieben Tage im gleichen Takt läuft. Wer meint, ganz auf einen festen, für möglichst viele Menschen verbindlichen Ruhetag verzichten zu können, nimmt dem Sonntag die Ruhe, und hält sich für klüger als Gott!"

Infokasten:

Wieviel Ruhe braucht der Sonntag? Einer Umfrage von 2014 zufolge würde fast ein Drittel der deutschen Bevölkerung einer kompletten Aufhebung des Verkaufsverbotes an Sonntagen zustimmen, 63 Prozent nutzten bereits die Angebote für verkaufsoffene Sonntage. Die Sonntagsruhe ist allerdings grundgesetzlich geschützt. Art. 139 der Weimarer Reichsverfassung vom 11. August 1919, der gemäß Art. 140 GG Bestandteil des Grundgesetzes ist, bestimmt, dass der Sonntag als Tag der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt bleibt.
Eine Abschaffung oder eine den Sonntag in dieser Funktion grundsätzlich in Frage stellende Regelung, ist somit nicht mit dem Grundgesetz vereinbar und entzieht sich daher einer grundsätzlichen Neuregelung durch die Landesparlamente.