Vor 200 Jahren: 5. April 1815 - Die Gladbacher Reformierten unter preußischer Herrschaft

Nach der Niederlage Napoleons hatte Preußen 1814 die provisorische Verwaltung des Rheinlandes übernommen. Der Wiener Kongress beschloss im Februar 1815, dass das Rheinland an Preußen fallen solle. Am 5. April 1815 proklamierte der preußische König Friedrich Wilhelm III. die Inbesitznahme der neuen rheinischen Provinzen. Er versprach seinen neuen Untertanen, „ihre Religion, das heiligste, was den Menschen angehört, zu ehren und zu schützen.“

Die kleine Gemeinde der Reformierten in Gladbach mit ihrem langjährigen Prediger Adam Walter Roelen begrüßte den Amtsantritt des neuen Landesherren, der ebenfalls dem reformierten Bekenntnis angehörte.

Der König verstand sich als oberster Landesbischof („Summepiskopat) seiner Provinzen. Er richtete Oberkonsistorien ein, die als staatliche Behörden fungierten. In Berlin entstand ein Ministerium für geistliche Angelegenheiten, das in den folgenden Jahren vor allem mit drei Aufgaben befasst war: der Bildung einer Kirchenunion von Lutheranern und Reformierten, einer neuen Agende für die Gottesdienste und einer Kirchenverfassung, die erhebliche staatliche Eingriffe in die bisher gültigen Kirchenordnungen vorsah.

Die vom König im September 1817 gewünschte Kirchenunion anlässlich des nahenden 300. Jahrestages des Thesenanschlages wurde im Rheinland begrüßt. Die Gladbacher Reformierten schlossen sich 1820 der Kirchenunion unter Wahrung ihres reformierten Bekenntnisstandes an. Eine Unionsurkunde wurde nicht ausgestellt.

Die Vorstellungen des Königs zu einer neuen Agende (1822), die stark an altlutherischen und anglikanischen liturgischen Elementen orientiert waren, fanden heftigen Widerstand. Kruzifixe und Leuchter auf dem Abendmahlstisch, Niederknien bei den Einsetzungsworten des Abendmahls, Zurückdrängung des Gemeindegesangs durch Chorgesänge und Responsorien (Antwortgesänge) der Gemeinde, für das gesamte liturgische Jahr vorgeschriebene Predigttexte statt freier Wahl der Bibeltexte, katholisch anmutende Gesänge wie das „Kyrie eleyson“ und die Abschaffung des freien Gebets wollten die Reformierten nicht akzeptieren. Von 432 rheinischen Pfarrern hatten bis Ende 1826 erst elf die Agende angenommen.

Der König und seine Beamten strebten eine neue Kirchenordnung an, in der die Kirche als Staatskirche von oben nach unten organisiert sein sollte. Die Kirche wurde als eine Unterabteilung der staatlich-politischen Instanzen verstanden. Die seit Jahrhunderten bewährte reformierte  Organisation der Kirche durch Presbyterien und Synoden mit starker Laienbeteiligung fand in Berlin keinen Anklang. Kirche von unten nach oben, ausgehend von den Gemeinden, stand unter dem Verdacht, republikanische Neigungen zu fördern. Erst nach langen und zähen Verhandlungen einigte man sich in der Rheinisch-Westfälischen Kirchenordnung vom 5. März 1835 auf eine Kompromisslösung, die sowohl den staatskirchlichen Aspekt als auch den Erhalt der presbyterial-synodalen Selbstverwaltungsstrukturen einbezog.

 

 

lbe