Vom Gefühl her ganz nah beieinander

Erstmalig beteiligen sich die evangelischen Christen in Mönchengladbach aktiv an der Heiligtumsfahrt.

Protestanten und Reliquienverehrung, das geht eigentlich gar nicht. Die Haltung der evangelischen Christen zu Knochen von Heiligen, den Gewändern Marias oder einem Teil vom Abendmahlstuch war  lange -  geprägt von der Haltung der Reformatoren, die den damals mit Reliquien verbundenen Kommerz geißelten – spöttisch bis ablehnend. Und jetzt? Jetzt nehmen die evangelischen Gemeinden in Mönchengladbach erstmals an der Heiligtumsfahrt teil. Außenstehende reiben sich verwundert die Augen.

Es ist eine Revolution, die sich da mit leiser Selbstverständlichkeit vollzogen hat. Am Eröffnungsgottesdienst der Heiligtumsfahrt nehmen evangelische Presbyterinnen und Presbyter teil. Evangelische Pfarrerinnen und Pfarrer sind  im Talar gekommen. Auch an der Präsentation des Abendmahlstuchs ist eine evangelische Pfarrerin beteiligt. Es gibt einen Ökumenischen Pilgertag, an dem im Gladbacher Münster eine ökumenische Trinitatisvesper stattfindet. Der Superintendent des Ev. Kirchenkreises Gladbach-Neuss hält eine leidenschaftliche Predigt, die die Einheit aller Getauften beschwört.  „In Gladbach ist vieles möglich, was anderswo noch nicht geht“, stellt der Superintendent später fest. „Die ökumenische Gemeinschaft ist hier stärker ausgeprägt.“

Am Abend ist mit Präses Manfred Rekowski der oberste Repräsentant der evangelischen Kirche im Rheinland zu Gast im Münster und spricht über die Ökumene der Umkehr. „Es geht darum, dass wir selbst und die eigene Kirche bereit sind zur Umkehr“, betont der Präses. „Der Ruf ergeht erst mal nicht an andere, sondern an uns.“ In der anschließenden Diskussion wird deutlich, wie weit die  Zusammenarbeit der katholischen und evangelischen Innenstadtgemeinden in Mönchengladbach schon ist. Im Miteinander der Konfessionen habe sich so viel geändert, sagt eine Teilnehmerin und erinnert an die gar nicht ferne Zeit, in der sich Katholiken und Protestanten lustvoll bekriegten und am Feiertag des jeweils anderen Jauche fuhren und Wäsche heraushängten. „Jetzt sind wir ungeduldig“, sagt sie. „Wir wollen die Einheit auch leben.“ Pfarrer Dirk Sasse spricht von einer „Ökumene des Herzens“.

Und jenseits der weiter bestehenden theologischen Gegensätze, die sich vor allem im Ämterverständnis manifestieren, ist die enge Vernetzung gelebte Realität. „Vom Erleben und Gefühl her sind wir ganz nah bei einander“, sagt Wolfgang Hess, Pfarrer der evangelischen Christuskirchengemeinde. „Wir arbeiten mit den katholischen Kollegen längst in einem großen Team.“ Bemerkenswert sei die Herzlichkeit im Umgang miteinander und der Respekt vor den Traditionen des jeweils anderen. „Das ist ein beidseitiger Lernprozess“, meint er. „Wenn die katholischen Gemeinden  bei der Heiligtumsfahrt das Christuszeugnis in den Mittelpunkt rücken, können die Protestanten gut daran teilnehmen.“ Ebenso werde das Reformationsjubiläum 2017 als Christusfest geplant, damit auch die Katholiken mitfeiern können. Alt-Probst Dr. Albert Damblon sagt: „Es ist eigentlich ganz banal: wenn in der Familie ein Bruder oder eine Schwester feiert, dann feiere ich mit. So ist es auch zwischen den evangelischen und katholischen Gemeinden. Wir Christinnen und Christen müssen zusammenhalten.“