Luther im Rheinland und der Stadt Gladbach

Als am 31. Oktober 1517 der nahezu unbekannte Augustinermönch Martin Luther aus dem kleinen Universitätsstädtchen Wittenberg mit 95 Thesen zur Ablasspraxis an die Öffentlichkeit trat, schieden sich die Geister sehr schnell an ihm. Er hatte offenbar den Nerv der Zeit getroffen  Die römisch-katholische Amtskirche fühlte sich in ihren Fundamenten bedroht und reagierte mit der Exkommunikation Luthers und seiner Anhänger. Von denen, die schon lange grundlegende Reformen der Kirche für unabdingbar hielten, erhielt er begeisterte Zustimmung.

Reaktionen auf Luther im Rheinland

Luthers Botschaft von der Rechtfertigung des Christen allein durch den Glauben, fand auch im Rheinland trotz des päpstlichen Bannspruchs große Resonanz. In Köln fanden sich schnell Anhänger Luthers im Umfeld der humanistischen Gelehrten und im Augustinerkonvent. Der Rat der Stadt Köln und die Universität Köln reagierten am 12. November 1520 mit einer öffentlichen Verbrennung der Bücher und Schriften Luthers. Schon bald brannten auch die Anhänger Luthers als Ketzer auf den Scheiterhaufen.

In den Vereinigten Herzogtümern Jülich, Kleve, Berg und Mark, verhielten sich die Landesherren moderater gegenüber den Lutheranern. Herzog Johann III. hatte zwar die Ausbreitung des Luthertums in seinen Landen untersagt. Dennoch hatten im Bürgertum der großen Städte und in Teilen des Adels Luthers Ideen bereits Fuß gefasst. Die Ständeversammlungen der Herzogtümer und einige Stadträte zeigten sich entsprechend aufgeschlossen gegenüber dem Luthertum.  

Rheinische Reformationsversuche in Köln und Düsseldorf

Nach dem Tode Herzog Johanns III. übernahm sein Sohn Wilhelm V. ab 1539 die Regierung in den Herzogtümern.  Gegenüber dem Luthertum zeigte er sich aufgeschlossener als sein Vater. Als Hermann von Wied, der Fürstbischof von Köln, ab 1541/42 den Plan verfolgte, eine Reformation in seinem Gebiet durchzuführen, bei der die Reformatoren Melanchthon und Bucer als Berater beteiligt waren, sicherte Herzog Wilhelm seine Unterstützung zu. Melanchthon hatte nach einem Gespräch mit Herzog Wilhelm 1543 auch einen Reformationsplan für dessen Herzogtümer erstellt, der allerdings nie zur Ausführung kam. Der Reformationsversuch in Köln und die Reformationspläne in Düsseldorf scheiterten am Widerstand Kaiser Karls V. und der römischen Kirche. Die rheinischen Reformationsversuche orientierten sich an den Vorstellungen des Humanisten Erasmus von Rotterdam, der grundlegende Reformen der Kirche bei Bewahrung der kirchlichen Einheit für den richtigen Weg erachtete. Die  römische Kirche sollte in ihren Rechten nicht beschnitten werden, der Bestand der Klöster und Stifte wurde garantiert und die Anhänger der neu entstandenen Bekenntnisse sollten ihren Glauben unbehindert ausüben können. Weitere Versuche einer landesherrlichen Reformation in Jülich, Kleve und Berg  1566/67, bei der ein Gutachten des Reformators Brenz eingeholt wurde, und der Versuch einer lutherischen Reformation in Köln ab 1582 scheiterten ebenfalls. Nach dem Ende des katholischen Konzils von Trient 1563 trennten sich auch im Rheinland die Wege der christlichen Kirchen.  Es bildeten sich nun mehrere Konfessionskirchen. Jede reklamierte für sich einen Alleinvertretungsanspruch für die gesamte christliche Kirche.

Ein Ketzerprozess in der Stadt Gladbach

1537 kam es in der Stadt Gladbach zu einer Ketzerverbrennung. Der Täufer Vith tho Pilgrams aus Lürrip  hatte 1532 in seinem Haus einen Bibellesekreis gegründet, in dem neben der deutschen Bibel auch theologische Schriften miteinander gelesen und diskutiert wurden. Der Kellner der Abtei vermerkte damals, dass der hingerichtete Ketzer von der Lehre des „Hans“ (!) Luther angesteckt war. Täufer wurden auch in lutherischen Gebieten verfolgt und hingerichtet.

Reformkatholiken und Lutheraner in Gladbach

 In der Stadt und im Kirchspiel Gladbach hatten die adligen Äbte der Benediktinerabtei schon vor Luthers Auftreten einen reformkatholischen Kurs eingeschlagen. Eine Trennung von der römischen Kirche scheint dabei nie in Frage gekommen zu sein. Dennoch hatten Luthers Ideen auch in der städtischen Führungsschicht der Bürgermeister, Schöffen und Zunftmeister Sympathisanten gefunden. Der Kölner Reformationsversuch und die ähnlich gelagerten Versuche des Herzogs von Jülich begünstigten die Öffnung für Luthers Ideen. Der Gladbacher Bürgermeistersohn Peter Ulner (1523-1595) und der mit ihm verwandte Düsseldorfer Hofprediger Heinrich Hummel waren junge Benediktiner aus unserer Stadt, die in den 1540er-Jahren wohl auch in Wittenberg studiert hatten. Beide hatten in der benediktinischen Abtei Essen-Werden gewirkt, wo der Abt Hermann Holte (Amtszeit 1540-1573)  und sein Nachfolger Heinrich Duden reformkatholische Bestrebungen förderten und eine Öffnung zum Luthertum zuließen. Innerhalb der katholischen Kirche hatten Ulner und Hummel jahrelang als Prediger gewirkt und das Abendmahl unter beiderlei Gestalt gereicht. Der verheiratete Hofprediger Hummel war einer der 24 Berater beim jülich-klevischen Reformationsentwurf von 1566/67. Er wurde als Vertreter des augsburgischen Bekenntnisses der Lutheraner aufgeführt. In den 1560er-Jahren setzte sich die jesuitische Gegenreformation am Düsseldorfer Hofe zusehends durch. Lutheraner und reformierte Prediger wurden aus ihren Ämtern verdrängt. Ulner war bereits 1559 Koadjutor und 1561 Abt des Benediktinerklosters Berge bei Magdeburg geworden. 1565 schloss er sich öffentlich dem augsburgischen Bekenntnis an,  führte das Kloster und die Benediktiner der lutherischen Reformation zu und behielt den Titel des Abtes. Der Hofprediger Hummel musste um 1570 sein Amt in Düsseldorf aufgeben. Er wurde um 1570/71 Superintendent und lutherischer Pfarrer in Helmstedt. 1578 holte Ulner ihn als  Professor für Theologie ins Kloster Berge, wo er 1579 verstarb. Ulner holte einige Söhne aus der Stadt und dem Umland nach, die als Lutheraner kirchliche Ämter in der Gegend von Magdeburg ausübten. Er wirkte als lutherischer Reformator in den braunschweigischen Landen und war 1577 als Gastgeber im Kloster Berge am Zustandekommen der innerlutherischen „Konkordienformel“ (Bergisches Buch) maßgeblich beteiligt.

Luthers Sympathisanten, die in der Stadt geblieben waren, nahmen wahrscheinlich weiter am katholischen Gottesdienst teil.  Evangelisch Gesinnte bedeckten bei der Wandlung gelegentlich die Augen, um damit ihre Ablehnung der katholischen Transsubstantiationslehre zu bekunden. Mitunter konnte auch die Lieferung des Kerzenwachses für die Heiligenaltäre ausbleiben, wenn evangelische Einflüsse in den Zünften und Bruderschaften sich bemerkbar machten.

Zu einer Gemeindebildung der Lutheraner, wie in anderen Städten des Rheinlandes, ist es in Gladbach offenbar nicht gekommen. Die calvinistisch geprägten Reformierten und vorübergehend die Mennoniten organisierten sich in Stadt und Kirchspiel Gladbach zu Gemeinden. Luthers Sympathisanten in der Gladbacher Führungsschicht schlossen sich später teilweise der reformierten Gemeinde an, nachdem sich diese konsolidiert hatte.

Lutheraner in größerer Anzahl sind erst nach 1945 in die Stadt gekommen und fanden Aufnahme in der unierten Evangelischen Kirchengemeinde M.Gladbach.

Lothar Beckers