Die Bilderstürme von 1566 in den Niederlanden

Schon in den Anfangsjahren der Reformation war es zu sogenannten „Bilderstürmen“ in den bis dahin katholischen Kirchen und Klöstern gekommen. Religiöse Bilder, Statuen, Heiligenaltäre, Reliquienschreine, Kirchenfenster, teilweise auch Orgeln wurden in vielen Gebieten Europas, in denen sich reformatorische Ideen durchgesetzt hatten, aus den Kirchen entfernt oder wurden zerstört. Luther hatte zwar die Bilderverehrung und vor allem die Bilderanbetung (Idolatrie) kritisiert. Er betrachtete aber religiöse Darstellungen als Zwischendinge (Adiaphora), die für den Glauben weder schädlich noch nützlich waren. Bilder sah er als didaktische Hilfsmittel an, die der Veranschaulichung  helfen konnten. Für die Reformatoren Karlstadt, Zwingli, Bucer und Calvin waren die Bilddarstellungen und Sakralgegenstände in den katholischen Kirchen „Ölgötzen“ und „papistischer“ Prunk, der aus den Kirchen verschwinden musste. Sie beriefen sich auf  das biblische Verbot, Bilder Gottes anzufertigen oder heidnische Götter (Tanz ums Goldene Kalb) anzubeten. Der Bettler, dem man sich zuzuwenden habe, wurde als das „wahre Bild Christi“ betrachtet. Neben der sozialen Argumentation spielten oft auch asketisch-puritanische  Motive eine Rolle.

In den von Spanien beherrschten Niederlanden hatten sich im Laufe des Reformationsjahrhunderts trotz der blutigen Verfolgungen durch die Inquisition reformatorische Ideen ausgebreitet. Täufer, Lutheraner und Reformierte bildeten heimliche Gemeinden. Viele Anhänger reformatorischer Gruppierungen entzogen sich den Ketzerverfolgungen durch Flucht ins benachbarte Ausland, wo sie Exilgemeinden gründeten. Seit dem Ende der 1540er-Jahre hatte sich zunächst unter dem Einfluss des Straßburger Reformators Martin Bucer das reformatorische Bekenntnis im südlichen Teil der Niederlande um die Handels- und Industriezentren Doornik, Valenciennes und Rijssel ausgebreitet. Vom benachbarten Frankreich aus erfolgten weitere Impulse von den calvinistischen Hugenotten. Im Exil wurden calvinistische Prediger ausgebildet, die zusammen mit Laienpredigern auf die Rückkehr in ihre Heimat warteten.

Die Statthalterin Margarethe von Parma, die das Land im Auftrag des spanischen König Philipp II. regierte, hatte erfolglos versucht, die Ausbreitung des Calvinismus und anderer „ketzerischer“ Strömungen zu unterdrücken. Die brutale Ketzerverfolgung durch den Inquisitor Titelmans, der auch reuige Häretiker, die in Spanien begnadigt wurden, zum Tode verurteilte, führte zum Widerstand immer größerer Teile der Bevölkerung gegen die spanische Fremdherrschaft. Schon 1561 war die Volksbewegung kaum noch kontrollierbar. Die katholische Kirche, in der die jesuitische Gegenreformation sich durchgesetzt hatte, verlor als Staatskirche rapide an Legitimation in der Bevölkerung. Die Unzufriedenheit wuchs, als 1565/66 durch Arbeitslosigkeit und Teuerung bei den Lebensmitteln der Lebensstandard der Bevölkerung sank und Hungersnöte drohten. Im Staatsrat hatten sich Prinz Wilhelm von Oranien und der Graf von Egmont für größere religiöse Freiheit eingesetzt. Auch der Landadel, in dem sich calvinistische Bestrebungen ausgebreitet hatten, forderte religiöse Toleranz. Die Statthalterin gab nach und setzte am 8. April 1566 die Verfolgungen durch die Inquisitionsbehörden vorerst aus.

Unverzüglich kehrten die calvinistischen Prediger in die Niederlande zurück, um öffentlich zu predigen.  Heimliche Gemeinden beschlossen, öffentliche Gottesdienste abzuhalten. Bei den sogenannten Zaun- und Heckenpredigten, die mangels eigener Kirchen im Freien stattfanden, versammelten sich bis zu 14.000 Teilnehmer. Reformwillige katholische Priester und Mönche in Flandern hielten spontane Nachtgottesdienste ab. Am 9. August 1566 hatte der calvinistische Prediger Matte in der Stadt Steenvorde nahe Frankreich gepredigt und war am 10. August mit seiner Gemeinde in eine Stadtkapelle eingebrochen, um sie zu plündern. Gemeinsam mit einem anderen calvinistischen Prediger räumte er in den nächsten Tagen zahlreiche weitere Kirchen, u.a. in Ypern und Oudenaarde aus. In Antwerpen wurde nach einer calvinistischen Predigt gegen die Bilderanbetung eine Kirche gestürmt und ausgeräumt und am nächsten Tag von den Calvinisten genutzt. Zahlreiche weitere Kirchen, Klöster, Armenhäuser und Kapellen waren von den calvinistischen Bilderstürmen betroffen.

In den nördlichen Niederlanden lief die Entfernung der Bilder geordneter ab. In Middelburg entfernte man die Bilder unter Aufsicht vorsichtig und brachte sie in die Stadthalle. Auch in Utrecht wurden die Bilder unter fachmännischer Anleitung entfernt. Der spätere Odenkirchener Burggraf Floris von Botzelaer hatte in Utrecht  und im Herrschaftsgebiet seiner Familie in Asperen und Langerak die Räumung der Kirchen gemeinsam mit seinem Bruder beaufsichtigt. 

Vor den Toren Venlos hatte der calvinistische Prediger Panhusius vor- und nachmittags Feldpredigten abgehalten. Am 11. August 1566 predigte er vor 1000 Menschen. In der Folgezeit kam es auch in Venlo und Roermond zu calvinistischen Bilderstürmen, die später blutig geahndet wurden. Zur gleichen Zeit sollen auch in Rheydt bilderstürmerische Aktionen in der Pfarrkirche stattgefunden haben.

Die Lutheraner in den Niederlanden reagierten auf die gewalttätigen Aktionen der radikalen Calvinisten und ihre Intoleranz gegenüber dem Gottesdienst anderer irritiert. Wilhelm von Oranien und Graf Egmont versuchten, gemeinsam mit Katholiken, dem Vandalismus entgegenzutreten. Die calvinistischen Bilderstürme dauerten bis September 1566 an. Wilhelm von Oranien hatte vergeblich versucht, den Frieden zwischen Lutheranern, Katholiken und Calvinisten wiederherzustellen. Spanien reagierte mit blutigen Unterdrückungsmaßnahmen, die zum Ausbruch eines 80jährigen Unabhängigkeitskrieges führten.

Lothar Beckers