An der Seite der Frauen

Es waren sicherlich nicht immer leichte Aufgaben, die Renate Ahnert zu lösen hatte.  Zu ihr kamen Frauen in existentiellen Nöten, voller Ängste und Sorgen, Zweifel und Ungewissheit. Aber die Sozialarbeiterin in Diensten der Diakonie sagt rückblickend – und es klingt sehr überzeugend – :„Die Arbeit hat zu mir gepasst. Ich blicke mit Freude und Dankbarkeit zurück.“ 26 Jahre lang  hat Renate Ahnert im Rahmen der Schwangerschafts- und Schwangerschaftskonfliktberatung des Diakonischen Werks an der Seite von Frauen gestanden, sie beraten und begleitet.

In ihrem Büro hing eine Riesenpinwand mit Babyfotos. „Wenn die Frauen es während der Beratung geschafft haben, das neue Leben anzunehmen, dann waren das für mich  besonders bewegende Momente“, sagt die Sozialarbeiterin. Oder wenn sie auf der Straße einer Familie begegnete, die sie freudestrahlend ansprachen: „Das ist unsere Tochter. Wir sind so glücklich.“  Eine lebendige und freudvolle Arbeit habe sie gehabt, sagt Renate Ahnert, und ein wunderbares Team zum Austausch.

Aber natürlich waren da auch die schwierigen, traurigen, erschreckenden Erlebnisse. „Es ist haarsträubend zu erleben, dass werdende Mütter Drogen nehmen und keinerlei Einsicht zeigen“, sagt sie.  Oder wie viel  Gewalt und Aggression in Familien oder Beziehungen herrschen können. Was hat sich verändert in den mehr als zwei Jahrzehnten ihrer Beratungsarbeit? „Beziehungen sind noch fragiler geworden“, stellt Renate Ahnert fest. „Die Verantwortung der Partner für einander hat weiter abgenommen.“  Es komme zu Schwangerschaftsabbrüchen, weil die werdende Mutter keinerlei Unterstützung vom Partner bekommt. Süchte und psychische Erkrankungen nehmen zu.

Auch Trauerbegleitung hat Renate Ahnert geleistet – nach einem Spätabbruch, einer Totgeburt oder einem plötzlichen Kindstod. „Das sind sehr berührende Erlebnisse, die auch zu außergewöhnlichen Bindungen führen“, sagt die Sozialarbeiterin.

Viele junge Frauen kommen mit der Schwangerschaftsberatung der Diakonie in Kontakt, weil hier Anträge auf finanzielle Unterstützung für die Erstausstattung des Babys gestellt werden können. Das weitergehende Beratungsangebot wird dann auch oft gern angenommen. Ist das Kind dann geboren, gibt es schon Kinder in der Familie oder Schwierigkeiten in der Partnerbeziehung, funktioniert auch die Überleitung in die Erziehungs- oder Paarberatung gut. „Das ist das evangelische Modell“, sagt Renate Ahnert. „Die integrierte Beratungsstelle hat sich als sehr sinnvoll und positiv erwiesen.“ Auch für die im Laufe der Jahrzehnte wechselnden Gruppen von Zuwanderern macht die Beratung unter einem Dach Sinn. Waren es in den 1990er Jahren viele Russlanddeutsche, die Unterstützung suchten, sind es jetzt neben der einheimischen Bevölkerung Flüchtlinge, die während der Schwangerschaft oder auch später Hilfe brauchen. Und manchmal sind diakonische Arbeit und  gelebtes Christentum so überzeugend, dass es zu Übertritten kommt, auch wenn Missionierung keinesfalls ein Ziel der Arbeit ist.

Angela Rietdorf