Bös teutsch - bös evangelisch

Vortrag von Superintendent Dietrich -Denker zur Eröffnung der Ausstellung in Schloss Rheydt, die sich mit der Geschichte der Reformation in Mönchengladbach und am Niederrhein beschäftigt. Die Ausstellung ist bis zum12. April 2015 zu sehen.

Zu wissen, wo man her kommt, hilft zu verstehen, wer man ist. Dieser Allgemeinplatz gilt auch für den grußredenden neuen Superintendenten des Kirchenkreises Gladbach-Neuss. Ich komme aus dem Dorf Niederdreisbach. Ein Dorf, das man wegen seiner konfessionellen Einmütigkeit auch „Paradies“ genannt hat. Es liegt im Landkreis Altenkirchen, der Dank der Grafschaft Sayn seit 1561 durchgängig evangelisch war. Hier hätte Luther nichts zu meckern gehabt. Weder an unserem schlechten Deutsch noch an der Art und Weise, wie der evangelische Glaube gelebt und organisiert wurde.

Als ich 1990 nach Rheydt kam, und 1993 der „Bezirkspfarrer“ des Bylandtschen Schlosses wurde (es liegt in meinem Pfarrbezirk J), hatte ich schnell begriffen: Hier ist Reformationsgeschichte anders gelaufen als bei dir Zuhause. Die sind hier „bös evangelisch“: Keine Kerzen auf dem Altar, das ist zu katholisch. Und überhaupt: „Altar“ so sagt man hier auch nicht. Abendmahlstisch, ist die richtige Bezeichnung, wir sind reformiert, hier gibt es keine Opfertische und auch keine liturgischen Farben. Und wenn der Pfarrer die Kinder gesegnet hat, sagt man „de Kenger wuete van Pastuer jesännt“ – was ist das für ein Deutsch!

Andererseits: Hier musste ich als Vikar gleich zwei Gottesdienstordnungen erlernen. Reformiert und uniert. – Und in Sachen Ökumene gab es z.B.  einen Gottesdienst mit Abendmahl am Karfreitag, bei dem der katholische Pfarrer und Dechant Horst Löhrer in der Hauptkirche mit dabei war. Und die Wiedertäufer, die Baptisten, sitzen in der ev. Allianz und machen mit beim pfingstlichen Kanzeltausch.  – Württenbergisches Luthertum hatte ich überstanden (ihre Liebe zum Lemberger und Trollinger hatte mir dabei geholfen), das daadetaler Uniertentum mit einer fetten Dosis siegerländischen Pietismus (da war der Gottesdienstraum früher auch Raucherzone) hatte ich da ja schon gemeistert.  Aber Gladbach und Rheydt?

Nun, ich bin immer noch da! Und über die Jahre habe ich begonnen zu verstehen, warum hier alles etwas anders ist: Die Ausstellung, die heute hier eröffnet wird, hilft dabei.

Das Rheinland war zu Beginn der Reformationsgeschichte ein Flickenteppich an Herrschaften und Konfessionen. Der lutherische Einfluss aufs Ganze gesehen gering. Die Reformierten und die „Calvingschen“ waren bedeutender. Sie haben sehr selbstbewusst ihren Glauben gelebt, sich in „Klassen“ und  Synoden organisiert. Presbyterial-synodal. Die Gemeinde suchte sich ihren Pfarrer aus und entschied die Dinge in eigener Verantwortung. Das ist bis heute so im Rheinland. (Jedenfalls noch!)

Und weil die stets wechselnden Herrschaften es nicht verhindern konnten und aus wirtschaftlichen Gründen auch nicht verhindern wollten, dass hier die Konfessionen durchlässiger waren als anderswo, sind wohl die niederrheinischen Evangelischen und Katholischen bis heute anders, als die in Köln oder in Stuttgart.

Luther mag damit nicht zufrieden gewesen sein. Ich glaube aber, den Herrn der Kirche, Jesus Christus, hat es nicht gestört, dass hier der Protestantismus nicht so rein war, wie anderswo und das in frühen Zeiten schon Katholiken halbherzig auch evangelische Elemente, wie das Abendmahl in beiderlei Gestalt, praktizierten. (Seit dem 2. Vatikanum, (1963) übrigens ist das Abendmahl in beiderlei Gestalt wieder als Option in der kathol. Kirche eingeführt. Die Entscheidung, unter welchen Bedingungen der Kelch zu erlauben ist, liegt allerdings seit 1970 bei den Bischofskonferenzen. Es wird aber leider bis heute nur sehr selten praktiziert. – Da könnte der evangelische Einfluss ruhig etwas größer sein!)

Hier im Rheinland waren sogar die Evangelischen untereinander noch sehr verschieden. Die Reformierten, ja selbst die Wiedertäufer, haben die Region wesentlich mitgeprägt, aber dank der konfessionellen Gemengelage waren sie hier alle nicht so radikal wie anderswo.

Die Textilindustrie Krefelds dankt sich dem Einfluss von Wiedertäufern. Große ev. Unternehmer, Bauern und Grafen haben durch ihre Bautätigkeiten Stadt und Land geprägt. Die Kirchen und alten Pfarrhäuser in der Region, ob als Hofkirchen oder Kirchen auf dem Markt, erzählen durch ihre Lagen und die unterschiedliche Konfessionalität eigene lokale Reformationsgeschichten, greifbar in Steinen und Wappen.

Katholiken und Protestanten nahezu in Rufweite wissen hier beide, was es heißt, zu manchen Zeiten wegen ihres Glaubens von den unmittelbaren Nachbarn verspottet worden zu sein. Alles in allem ein Schmelztiegel des gemeinsamen konfessionellen Neben- und dann doch auch wachsenden Miteinanders bis heute.

Ich finde es gut, dass sich eine Ausstellung die Mühe macht, einmal aufzuzeigen, wie prägend der Protestantismus für die Region ist. Sie räumt ein wenig mit dem Klischee des katholischen Niederrheins auf. Und das ist auch nötig. Dass diese Ausstellung eingebettet ist in ein ganzes Netz von Ausstellungen zum Einfluss der Religion unter dem Titel „himmelwärts“, könnte man auf diesem Hintergrund schon als typisch für die Region bezeichnen.

Alle diese Ausstellungen erinnern daran, dass der Glaube, dass Religion und Bekenntnis niemals nur Privatsache gewesen sind. Das Bekenntnis äußerte sich in Kirchbau, im Umgang mit Geld, in Wirtschaft, Kunst, Musik und im Zusammenleben der Menschen. Der Niederrhein steht da für eine denkbar große Vielfalt. Die Konfessionen befruchteten und befeuerten sich gegenseitig. Segensspuren davon sind heute sichtbar. Protagonisten wie Horst Löhrer, aber auch Albert Damblon und der ökumenisch sehr großzügige Aachener Bischof Mussinghoff auf kathol. Seite aber auch evangelische, wie Pfr. Herrmann Schenck (mein Vorgänger im Amt), ein wichtiger Neusser Ökumeniker. Ökumene hat hier einen hohen Stellenwert in beiden Konfessionen.

Aus dem Glauben heraus suchen wir über konfessionelle Grenzen hinweg die Nähe zueinander, begegnen einander und gewinnen einander lieb. Wen wundert’s – es ist der EINE Christus den wir bekennen und glauben.

Packen wir das Miteinander-Leben mutig und mit Gottvertrauen an. Wer sich zu Gott bekennt als Schöpfer, Vater und Allmächtigen, der kann Andersgläubige oder anders bekennende Menschen nicht ignorieren oder verjagen oder verfolgen. Er wird sich mit Ihnen arrangieren. Und wenn es ihm ernst ist mit dem Evangelisch- oder Katholisch-sein, wird er sie lieben und ihnen so begegnen, wie Jesus Christus uns begegnet ist.

Mit der reinen Lehre und dem reinen Bekenntnis allein kommt man nicht ins Himmelreich. „Nicht alle, die zu mir sagen HERR, HERR“, spricht Jesus, werden in das Himmelreich kommen, sondern die den Willen tun meines Vaters im Himmel.“

Auf das Tun kommt es an! Und wenn wir hier in der Ausstellung in Worten, Film und Kunst sehen, wie die Evangelischen in der Region gewirkt und sie geprägt haben, dann will ich das mal so verstehen: Gott ist mit seinem Wirken nicht am Ende. Mit ihm und uns geht es auch durch unsere Zeiten „himmelwärts“.

Unsere Zeiten sind multireligiös geprägt. Die Vielfalt der Angebote ist enorm gewachsen. Bleiben wir einander gewogen. Bleiben wir im Gespräch miteinander. Nehmen wir uns gemeinsam der Schwachen an. Ob Baptist oder Katholik, Reformierter oder Lutheraner, ob Jude oder Moslem, wir bekennen und bezeugen die Menschenfreundlichkeit Gottes. Die Bekenntnisse können unterschiedlich sein, die Taten der Liebe und der Fürsorge und der Verantwortung für die Schwachen sind eindeutig. Sie sind überkonfessionell und interreligiös.

Gott erhalte uns die konfessionelle Vielfalt und lasse uns doch einig sein im Tun dessen, was den Menschen heute hilft. Wenn dies Pfarrerinnen und Pfarrern, Priestern, Predigerinnen und Predigern, Rabbinern und auch Imamen gelingt, und allen, die sich als gläubig bezeichnen, dann hat unsere Gegend hier ein unverwechselbares Profil. Sie wird vorankommen, wie kaum eine andere, weil viele Gaben und Ideen da sind.

Wo wir miteinander unterwegs sind durch die Zeit, da wird man eines Tages vielleicht auch „bös evangelisch“, weil doch nicht so ganz nach der reinen Lehre, und „bös teutsch“ sagen: „Und do wuede onsere Kenger und onsere Alde un all de fremde Lüüt möet oos gesännt.“

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche der Ausstellung einen recht gesegneten Verlauf.

 

 

Dietrich Denker, Pfarrer und Superintendent