Christkind, Nikolaus, Weihnachtsmann – Wer bringt nun die Geschenke?

„Martin Luther hat das Christkind in die Weihnachtszeit eingeführt und der Weihnachtsmann ist eine Erfindung von Coca-Cola.“ Wie oft habe ich das schon über unsere weihnachtlichen Gabenbringer gehört und doch: beides ist falsch. Aber beginnen wir der Reihe nach. Beginnen wir mit dem ältesten Gabenbringer, dem Heiligen Nikolaus. Der alte Geschenketag war seit dem Mittelalter im Westen der Nikolaustag, der 6. Dezember. Nach einer alten Legende hat Nikolaus, später der legendäre Bischof von Myra, im 4. Jahrhundert drei armen Mädchen, die aus Armut von ihrem Vater in die Prostitution verkauft werden sollten, nachts heimlich drei Goldklumpen durch das Fenster ins Haus geworfen. Die Unschuld der Mädchen war gerettet, der böse Vater bekehrte sich. Im Mittelalter setzte sich in Europa der Brauch durch, dass ein Nikolausdarsteller die Häuser besuchte, um die Kinder abzufragen und ihnen im Falle guter Führung kleine Geschenke dazulassen. Begleitet wurde er von zwielichtigen Phantasiefiguren, dem Knecht Ruprecht, kleinen Teufeln, Schwarzen Petern und anderen angsteinflößenden Gestalten. Wer nicht spurt, bekommt die Rute oder kommt in den Sack und wird mitgenommen.

Noch zu Luthers Zeiten herrschten wüste Nikolaus-Bräuche. Luther lehnte das Nikolausbrauchtum ab und mit ihm auch den 6. Dezember als Tag der Bescherung. Doch Geschenke mussten auch damals schon sein. Doch wer sollte sie bringen? Treu seiner Konzentration auf das Wesentliche im Glauben vertrat er die Auffassung: der Heilige Christ (das ist nicht das Christkind!) bringt die Geschenke! Ist er doch selbst das große Geschenk, in dem Gott sich selbst einer verlorenen Menschheit schenkt. Haben wir ihm nicht alles zu verdanken?! Die Bescherung wanderte in evangelischen Gebieten  auf die Nacht zum Christfest, auf die Wende vom Heiligen Abend zum 1. Weihnachtstag. Damit setzte Luther sich langfristig auch ökumenisch durch. In Deutschland wird – evangelisch und katholisch - am Heiligen Abend beschert, in Skandinavien, Großbritannien und Amerika in der Nacht zum 1. Weihnachtstag. Doch jeder Gabenbringer braucht eine Gestalt und sei sie nur in der Phantasie. Aus dem Heiligen Christ, wurde im Laufe der Zeit, wohl  aber erst um 1800 das Christkind, eine kindliche engelgleiche Figur im dünnen weißen Nachthemd, das sich barfuß auf den schweren Weg durch die Winternacht machte, um den Kindern die Geschenke zu bringen. (Ihm galt schon früh mein Mitgefühl für diese Mühen.) Die Niederländer haben jedoch, auch in den evangelischen Gebieten, dem Sinterklaas, dem Sankt Nikolaus die Treue gehalten und bescheren weiter am 6.12. Interessanterweise jedoch hat das Christkind seine eigentliche Karriere in katholisch geprägten deutschen Gebieten genommen, wie in Bayern und am Niederrhein. Wie konnte es dazu gekommen? Hier kommt die dritte Person ins Spiel: der Weihnachtsmann.

Der Weihnachtsmann hat sich nach zögerlichen Anfängen im Verlauf des frühen 19. Jahrhunderts in mehreren Schritten zu der Figur entwickelt, die wir heute kennen. Mitte des 19. Jahrhunderts war er mit allen Attributen vorhanden: ein dicker, rotwangiger, winterlicher und vor allem gemütlich-wohlgesinnter Mann in rotem Mantel mit einem Sack und einem Reisigbündel als Rute. Seine Herkunft weist eindeutig in die evangelischen Gebiete, nach Berlin und Norddeutschland. Von seiner Erscheinung her ist er ein säkularisierter und seiner bischöflichen Attribute beraubter Nikolaus, der mit der Figur des Knecht Ruprecht zu einer Person verschmolzen ist. Vom Nikolaus die rote bischöfliche Farbe, der edle Pelzbesatz am Umhang und der weiße Bart (den der Nikolaus übrigens nur in der westlichen Kirche kannte), von Ruprecht den Mantel, die Rute und den Sack. Dieser erhielt eine neue Funktion. Nicht mehr sollten in ihn Kinder hinein, sondern aus ihm Geschenke für Kinder geholt werden. Und mit der Rute wurde nur noch milde gedroht statt mit ihr die ungezogenen Kinder zu vertrimmen. Das Ganze verband sich in Norddeutschland mit winterlichen Attributen der Märchenfigur des Herrn Winter (damals war ein Winter noch richtig Winter), der mit dem Schlitten durch die Wälder fuhr. Aus Norddeutschland kam er Mitte des 19. Jh. auch nach Skandinavien. Seine Heimat fand er  im tiefen Norden. Noch heute streiten sich Dörfer in Norwegen, Schweden und Finnland darüber, wo die wahre Heimat des Weihnachtsmanns ist. Über deutsche und skandinavische Auswanderer kam er nach Amerika, wo sein Name Santa Claus noch die kaum verborgene Herkunft beim Heiligen Nikolaus verrät. Berühmt die Zeichnungen des Pfälzers Thomas Nast, der die Figur 1863 in Amerika einführte. Mithin: Der Weihnachtsmann ist eigentlich der evangelische Ersatz für den Nikolaus, dessen Heiligenverehrung und Brauchtum  abgeschafft wurden. Einen Gabenbringer braucht es aber. Coca Cola nutzte die Figur ab 1931 für populäre Werbekampagnen. Cola und den Weihnachtsmann verband die rote Farbe. Ein schwedischer Grafiker, Haddon Sundblom, gab ihm eine klassische Gestalt. Doch der Weihnachtsmann war damals schon längst bekannt und eingeführt. Erfunden hat Coca-Cola ihn nicht.

Und das Christkind? Im 19. Jh. konnte es noch, wie Bilder belegen, einträchtig mit dem Weihnachtsmann durch den Winterwald stapfen. Da der „evangelische“ Weihnachtsmann aber katholisch nicht tragbar war, der Nikolaus aber sich nicht am 24.12. zum zweiten Mal auf den Weg machen konnte, übernahm das Christkind in katholischen Gegenden die Rolle des weihnachtlichen Gabenbringers. Noch heute stehen sie in Konkurrenz: Christkind oder Weihnachtsmann?

Eine verwickelte Geschichte und eine lange Entwicklung steckte hinter den drei Figuren. Im 19. Jahrhundert wurde Weihnachten, das bis dahin vor allem ein Kirchenfest war, das in der Kirche mit Gottesdienst und nicht zuhause gefeiert wurde, zum häuslichen Familienfest, bei dem die Bescherung der Kinder unter dem Weihnachtsbaum - auch so eine Erfindung des 19. Jh. -  zum zentralen Ereignis wurde. Dies zu erzählen, wäre eine andere Geschichte. Da aber um das Beschenken der Kinder ein Geheimnis liegen sollte, braucht es geheimnisvolle und letztlich anonyme Gabenbringer. Oder will oder muss der kleine Fritz wirklich wissen, dass das Buch von Tante Erna, der Schlafanzug von Onkel Klaus und die Playstation von Papa und Mama kommen? Soll er am materiellen Wert nachrechnen müssen, wie lieb ihn die einzelnen haben? Und: Schenken verpflichtet, zum Dank und irgendwann zur Gegenleistung. Dieses Gesetz von Gabe und Gegengabe sollte weihnachtlich durchbrochen werden. Dem Christkind, dem Nikolaus und dem Weihnachtsmann muss man nichts zurückschenken. Wie schön. Leider sind sie überall auf dem Rückzug. Damit geht auch ein Stück Zauber der Weihnacht verloren. Wie schade. Ich plädiere dafür: Schenken ist eine Kunst: lieber weniger schenken und mit liebevollem Aufwand und Geheimnis, ob durch Christkind, Nikolaus oder Weihnachtsmann, ist dann eigentlich egal.  Frohe Weihnachten!

Ihr

Till Hüttenberger