125 Jahre Friedenskirche

Die 125-jährige Geschichte unserer Mönchengladbacher Friedenskirche begann in einer Zeit großen Wachstums der Gemeinde. Diese war bei ihrer Gründung im Jahre 1610 ein einziger Pfarrbezirk gewesen. Doch der industrielle Aufschwung der Textilstadt am Niederrhein in der Mitte des vorigen Jahrhunderts wirkte wie ein Sog und brachte einen Strom von Facharbeitern und Unter­nehmern aus dem Bergischen Land nach Gladbach. Damit stieg auch die Zahl der Evangelischen drastisch an. Im Jahre 1857 wurde eine zweite, 1881 eine dritte Pfarrstelle eingerichtet. Das Kirchlein, das die ehemals kleine Gemeinde außer­halb der Stadtmauern am Fliescherberg hatte errichten dürfen (1684), war längst baufällig und für die ständig wachsende Gemeinde zu klein. Deshalb beschloss man 1852, das „alte evangelische Bethaus“ durch einen größeren Kirchenbau zu er­setzen. Die neue Kirche errichtete man auf dem käuflich erworbenen Grund­stück des verfallenen Kapuzinerklosters in der Nähe des Marktes. Das alte Kirchlein wurde abgerissen und an seinem Platz eine evangelische Elementarschule gebaut.

Die alles fällt in eine Zeit, da es der Ge­meinde wirtschaftlich gutging. Sie war bedingt durch den Zuzug wohlhabender Gemeindeglieder zu einigem Wohlstand gekommen und baute eine Reihe sozialer Einrichtungen: Das „Waisenhaus Neuwerk“ entstand, das „Vereinshaus“ in der Steinmetzstraße wurde gebaut, das „Kosthaus Zoar“ für junge auswärtige Fabrikarbeiterinnen, das (alte) Krankenhaus „Bethesda“ und der evangelische Friedhof in der Viersener Straße wurden angelegt; mehrere Kindergärten, Volksschulen und Pfarrhäuser wuchsen aus dem Boden.

Dies alles zeugt von einer überaus lebendigen Gemeinde, in der schnell die beiden Sonntagsgottesdienste überfüllt waren, so dass bald auch der neue Kirchenbau die Menschen nicht mehr alle fassen konnte. So schien es den Verantwortlichen der Gemeinde dringend geraten, einen zusätzlichen Gottesdienst anzubieten. Einen so wichtigen Beschluss jedoch durfte das Presbyterium nicht selbständig herbeiführen. Nach der damals geltenden Kirchenordnung musste die Kirchenleitung mitbestimmen. Sie beschloss auf Vor­schlag des Presbyteriums den Bau eines „Betsaals als zweiter Gottesdienststätte der Gemeinde“. Jedoch verwies sie darauf, dass keine Kirchensteuermittel hierfür heran gezogen werden durften. So stellte sich für die Gemeinde, trotz bescheidenem Wohlstand, die Frage, wie man sich eine neue Predigtstätte leisten könnte?

Kurz zuvor hatte Frau Geheimrat Altgelt eine größere Summe zum Erbau eine “Klein-Kinder-Schule” gespendet. Um hiervon profitieren zu können, entstand die Idee, beide Bauvorhaben zu koppeln. Bei Bedarf sollten beide Räume miteinander zu einem großen Gottesdienstraum verbunden werden können. Spätestens hierdurch wird symbolisch deutlich, wie sehr das Geschick der Kirche und der “Klein-Kinder-Schule”, bzw. später des Kindergarten verbunden sind.

Nach dem Beschluss erwarb die Gemeinde ein Baugrundstück an der Magartehenstraße. Der Gladbacher Architekt W. Weigelt wurde mit der Erstellung von Plänen und Kostenvoranschlägen beauftragt. Man einigte sich dann auf den Bau einer Klein-Kinder-Schule mit Lehrerwohnung (Vorderbau) und einem dahinterliegenden Gottesdienstraum (Anbau) in der Meßbreite der Klein-Kinder-Schule von 17m Breite und 11m Tiefe. Die Wand zwischen Kindergarten und Betsaal blieb bis zur Deckenhöhe des Kindergartenraumes offen, d. h. die Räume waren lediglich durch Rollläden getrennt; aber die Rollladenwand machte die Einbeziehung des einen in den anderen Raum erst möglich, sodass bei Bedarf ein großer Gottesdienstraum entstand. Das Dach des Betsaals war ein mit Teerpappe bedecktes Flachdach. In das Gebäude führten von der Straßenseite her zwei Eingänge, durch die man den Kindergarten wie auch den Betsaal betreten konnte, so wie es sich heute noch findet. Zu den Wohnräumen im ersten Stock führte linkerhand ein Treppenhaus, durch das auch die Emporen erreicht werden konnten. Auf dem Vorplatz, rechterhand des Gebäudes, wurde eine Kinderspielhalle errichtet. Das Grundstück an der Margarethenstraße kostete damals 9 600 RM, der gesamte Bau 30 000 RM.

Am 15. März 1885 konnten der Betsaal und die Klein-Kinder-Schule durch den damaligen Pfarrer und Superintendenten H.O. Zillessen „feierlich eingeweiht“ werden. Um den Kirchenbau zu krönen, baute man 1887 auf dem Dach des Kindergartens einen Glockenstuhl. Er sollte die kleine, ehrwürdige Glocke des Kirchleins am Fliescherberg aufnehmen: Sie hatte mehr als 200 Jahre hindurch die Gemeindemitglieder zum Gottesdienst gerufen.

Die Kirche bekam wie auch andere evangelische Kirchen den Namen Beetsaal. Der Name resultierte daraus, dass zur Bauzeit der Kirche im Bereich der katholischen Bistümer Köln und Aachen es den Evangelischen nicht erlaubt war, eine eigene Kirche mit Turm und Glocken zu errichten.