„Der Pfarrberuf ist so ein toller Beruf“. Interview mit Pfarrer Wolfgang Hess anlässlich seiner dienstlichen Entpflichtung

Ein Abschied nach 34 Jahren ist ein guter Grund, einen Blick zurück zu werfen. Pfarrer Wolfgang Hess erzählt von seiner Amtseinführung und dem, was ihn beeindruckt und bewegt hat.

Angela Rietdorf: Sie sind seit 1985 Pfarrer der  evangelischen Christuskirchengemeinde. Können Sie sich noch an Ihren ersten Arbeitstag erinnern?

Wolfgang Hess: Nicht an den ersten Arbeitstag, aber natürlich an meine Amtseinführung gemeinsam mit Pfarrer Pauly im Rahmen eines feierlichen Gottesdienstes in der Christuskirche. Das war sehr beeindruckend. Ich war vorher in Krefeld an der Pauluskirche, wo ich auch ordiniert wurde. Das war eine kleine und überschaubare Gemeinde. Die Christuskirchengemeinde in Mönchengladbach war so viel größer und hatte gerade das gigantische Haus Zoar am Kapuzinerplatz gebaut. Das war sozusagen der Haken, an dem man mich geangelt hat. Ich habe mich auch in Krefeld wohlgefühlt, aber das Haus Zoar bot großartige Möglichkeiten der Jugend- und Gemeindearbeit. Ich war voller Vorfreude.

Rietdorf: War die Vorfreude berechtigt oder wurden Sie enttäuscht?

Hess: Die war voll und ganz berechtigt. Ich habe mich regelrecht ausgetobt. Ich habe sehr viel mit den jeweiligen Jugendleitern zusammengearbeitet und wir konnten viele Angebote für die Jugendlichen machen. Das hat Riesenspaß gemacht. Außerdem stand in den 1980er Jahren das Thema Bewahrung der Schöpfung ganz groß auf der kirchlichen Agenda. Wir haben zum Beispiel im Haus Zoar eine große Veranstaltung mit Vertretern von Kirchen und Gemeinden aus ganz Europa durchgeführt. Ich hatte so etwas vorher noch nie gemacht, es war eine neue Erfahrung, eine Veranstaltung solcher Größe zu organisieren oder zu moderieren. Für einen jungen Pfarrer ist das eine Herausforderung, an der er sich abarbeiten kann.

Rietdorf: Warum sind Sie Pfarrer geworden? Warum haben Sie sich ausgerechnet für diesen Beruf entschieden?

Hess: Wer diese Frage stellt, erwartet oft ein Bekehrungserlebnis oder etwas Ähnliches. So war es bei mir aber nicht. Es war eher ein Prozess, der mit dem Konfirmandenunterricht begann. Ich bin gebürtiger Rheydter und wir hatten Konfirmandenunterricht beim jungen Pfarrer Müller. Das war 1968. Er hat mit uns diskutiert und hatte ein offenes Ohr. Das war ein wichtiger Impuls für mich. Ich habe dann an der kirchlichen Hochschule in Wuppertal studiert. Das Studium hat mich gepackt und inspiriert. Ich bin hineingewachsen und froh, dass ich mich damals so entschieden habe. Der Pfarrberuf ist so ein toller Beruf, bunt, lebendig, sehr erfüllend und motivierend. Man hat mit Menschen in den unterschiedlichsten Lebenssituationen zu tun

Rietdorf: Sie haben eben von Ihrem Konfirmandenunterricht erzählt. Wie haben Sie den Konfirmandenunterricht gestaltet? Wo sollen junge Menschen Kirche erleben?

Hess: Ich habe immer im Team mit einer Gemeindepädagogin gearbeitet, was sehr fruchtbringend war. In meinem Pfarrbezirk gab es immer sehr heterogene Gruppen, auch Kinder, die aus schwierigem Umfeld kamen. Wir haben versucht, die Konfirmanden  anzunehmen, ihnen mit Wertschätzung zu begegnen und mit ihnen etwas zu tun, was ihrer Lebensphase entspricht. Wir haben mit Künstlern wie Wolfgang Franken zusammengearbeitet, um den jungen Leuten zu ermöglichen, sich handwerklich Themen wie Tod, Vergebung oder Glauben zu nähern. Wir wollten ihnen eine offene Kirche zeigen, die nicht hinter Regelwerk versteckt ist und die auf Menschen zugeht, ohne sie zu Objekten zu machen.

Rietdorf: Die Ökumene gehört zu Ihren Herzensanliegen. Sie feiern sogar Ihre Verabschiedung ökumenisch mit einem Gottesdienst, der sowohl in der Christuskirche als auch im Münster stattfindet. Wo stehen wir ökumenisch gesehen in Mönchengladbach?

Hess: Die Ökumene der Innenstadtgemeinden in Mönchengladbach ist eine wunderbare Geschichte. Die Dinge, die spalten, spielen bei uns keine Rolle. Die katholischen und evangelischen Gemeinden sehen sich als christliche Geschwister. Ich habe sowohl die Heiligtumsfahrt als auch das Reformationsgedenken in sehr positiver Erinnerung. Auf der Ebene der Kirchenleitungen sieht es aber anders aus. Wir wollten im vergangenen Jahr unserer ökumenischen Erklärung die Vereinbarung einer Gemeindepartnerschaft folgen lassen, aber das wurde vom Bistum abgelehnt. Auch die gemeinsame Eucharistiefeier ist nach offizieller katholischer Sicht erst nach Herstellung der Einheit möglich. Das entspricht meiner Meinung nach nicht dem Sinn von Eucharistie, die auch Stärkung auf dem Weg zur Einheit sein soll. Aber die ökumenische Bewegung ist nicht aufzuhalten und wird sich weiterentwickeln. Da bin ich hoffnungsvoll.